Die Sirene auf dem Felsen

- Was eine Rundfunkansagerin nicht alles zu erzählen hat. Wie sie ihre Hörer am Gängelband hält. Ein Psychomonolog aus der Hölle des Senderaums. "Radio Noir" nennt der Münchner Autor Albert Ostermaier sein Stück für eine Schauspielerin. Und diese Schauspielerin ist Caroline Ebner (34).

<P>Sie hat den Monolog bereits vor vier Jahren in Hamburg gespielt. Jetzt haben sie und der Dichter den Intendanten Frank Baumbauer an sein Versprechen erinnert, ihn auch in München an den Kammerspielen zu zeigen. Nun ist es so weit: Morgen hat "Radio Noir" im Werkraum Premiere.</P><P>Viele Proben dafür gab's nicht, denn an diesem Wochenende tobt auch noch die junge Dramatiker-Schau durchs gesamte Haus. "Es wird beim ersten Mal also sicherlich nicht alles klappen", schickt Caroline Ebner schon einmal vorsorglich voraus. Dabei ist sie ganz ruhig. Lampenfieber sei ihre Sache nicht. In den Ferien, die sie in ihrem Haus auf einer kleinen griechischen Insel, ihrem Lieblings-Rückzugsort, verbracht hat, habe sie den Text ein zweites Mal gelernt. "Es war viel schwerer als beim ersten Mal. Ich habe meinen ganzen Urlaub dafür geopfert. Aber irgendwie passte es: Ich lag auf einem Felsen im Meer - und in dem Stück geht es ja um eine Sirene."</P><P>Leidenschaft für Klassiker</P><P>Caroline Ebner, die in München vor allem als Lessings Sara Sampson von sich reden machte, weiß um die Vorteile, die ihr ein Monolog-Abend bringt, an dem sie ohne Partner auf der Bühne steht und fürs Gelingen oder Misslingen allein zuständig ist: "Ich habe dabei sehr viel gelernt über Selbstbewusstsein auf der Bühne. Und auch über schauspielerisches Handwerk. Schwer für mich ist vor allem, dass ich die ganze Zeit hinter Glas sitze, das Publikum also weder sehen noch hören kann. Das macht sehr einsam."</P><P>Als sie den Text zum ersten Mal gelesen hatte, kannte sie Albert Ostermaier noch nicht. Und sie war ziemlich überrascht, als sie später diesen freundlichen, liebenswerten Autor traf. "Ich fragte ihn, ob er ein glücklicher Mensch wäre. Denn seine Texte enthalten so unglaubliche Sehnsuchtsbilder. Wo nimmt man das her? Aber er sagte: Er sei ein glücklicher Mensch. Ich denke trotzdem, einmal in seinem Leben muss es bei ihm schon gerumpelt haben, sonst könnte er nicht so schreiben."</P><P>"Ich bin keine handwerkliche Schauspielerin", sagt Caroline Ebner. "Die Rollen, die ich spiele, haben immer mit mir zu tun. Es ist ja oft witzig, wie eine Figur, die man spielt, stärker wird, als man selbst ist. Zum Beispiel Sara Sampson. Das war eine sehr schwere Arbeit. Ich zweifle nicht daran, dass mir die Sara mit ihrer eigentlich schon sturen, irrwitzigen Konzentration auf das Gute geholfen hat, in dieser Arbeit nicht aufzugeben." Das tat sie auch nicht, als sie mit der Ismene besetzt wurde, anstatt mit der von ihr so sehnlichst gewünschten Antigone. Ein kurzes Hadern mit dieser Entscheidung des Regisseurs, dann rang sich Caroline Ebner dazu durch, eine erstklassige Ismene zu spielen.</P><P>Wenn sie spontan ihre Lieblingsrollen nennen sollte, fallen außer Antigone noch Kassandra und alle Horvá´th-Figuren, bei denen die gebürtige Münchnerin sprachlich natürlich keinerlei Probleme hätte. Aber das hat sie auch bei anderen Rollen nicht. Klassiker sind ihre Leidenschaft: "Da steht alles drin, ist alles da; man muss sich gar nicht grün anziehen und auf den Kopf stellen." Und die Kraft, die man als Schauspieler für die Kunst der Sprache aufbringen muss, besitzt Caroline Ebner sowieso. </P><P>"Ich habe von meiner Mutter ein gewisses Sprachgefühl und eine Sprachleidenschaft gelernt. Wenn ich in einer Inszenierung einen Sinn darin sehe, dass die Sprache im Vordergrund steht, dann stelle ich sie in den Vordergrund."</P><P>Durchs Theater getollt</P><P>Ein wohltuendes Selbstbewusstsein einer Schauspielerin, für das gewiss ihre Mutter verantwortlich war. Käthe Ebner nämlich war bis zu ihrem Tod Dozentin für Sprecherziehung an der Otto-Falckenberg-Schule. "Als ich hier mit Beginn der Intendanz Baumbauer nach München an die Kammerspiele kam, war das wie ein doppeltes Nachhause-Kommen. Einmal, weil ich in dieser Stadt zur Schule gegangen bin und weil mein Vater und alle Tanten hier wohnen. Zum anderen aber, weil ich als Kind schon mit dem Schulranzen durch die Kammerspiele getollt bin. Ich bin mit dem Theater Dieter Dorns groß geworden."</P><P>Heute hat die Schauspielerin eine genaue Vorstellung von dem, was sie will, besser gesagt, was sie nicht will. Und es gehört durchaus Mut zu dem, wenn sie sagt: "Ich bin eigentlich innerlich sehr konventionell. Inhaltlich muss in einer Aufführung alles Hand und Fuß haben. ,Virtuos interessiert mich nicht. Ich möchte mehr in die Herzen der Zuschauer kommen, weniger in die Köpfe. Ich wehre mich gegen Dinge, die ,hip sein wollen. Wir haben die Aufgabe, die Zuschauer zu verzaubern."</P><P>Und: "Das Schöne und das Schreckliche am Theater ist: Wenn die Lichter ausgehen, ist nichts mehr da. Man nimmt bewusst Abschied. Das hat etwas mit Leben und Sterben zu tun, und das muss man akzeptieren."</P>

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