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Christian Thielemann

Die Sirenengesänge erhört

Die einen sehen es als Befreiungsschlag, die anderen wittern ein falsches Spiel des Stars. Mit dem Wechsel von Christian Thielemann zur Staatskapelle Dresden ab 2012 steht Münchens Kulturpolitik vor einem Scherbenhaufen – und das Orchester der Stadt vor einer entscheidenden Weichenstellung.

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Funkstille zwischen München und Thielemann

Überrascht hat Christian Thielemanns Weggang am Ende keinen so richtig. Dazu gab es auch zu viele Zeichen zu beobachten. Zum einen bei Ulrike Hessler, der künftigen Intendantin der Semperoper, die mehrfach in Thielemanns Münchner Konzerten und danach im Gespräch mit ihm gesichtet ward. Dann das Abtauchen des Stars in den letzten beiden Wochen, der auf Kontaktanfragen nur „Grüße aus Ostpreußen“ schickte, überdies kurzfristig zwei Termine mit Kulturreferent Hans-Georg Küppers platzen ließ. Und zum Dritten eine auffallend verstummte Dresdner Staatskapelle, die sich noch im Sommer mit Liebesbekundungen an Thielemann nicht zurückgehalten hatte.

Wie genervt und frustriert Thielemann vom Münchner Treiben war und wie sehr ihn die Aussicht auf ein Weltklasse-Ensemble inklusive Operndirigate lockte, dokumentiert sein Dresdner Vertrag, der ihm mehr als in München abverlangt: 45 Abende wird er am Pult der Staatskapelle stehen, das sind 20 mehr als im Münchner Folgevertrag vorgesehen waren. Überdies erklärt er sich mit umfangreichen Tourneen einverstanden, hat auch nichts gegen starke Gastdirigenten und ihr Repertoire. Vor allem wegen eines Details spielt aber München die betrogene Braut: Thielemann, so ist zu hören, wird in Dresden finanzielle Abstriche akzeptieren – die schwierige Situation der Semperoper ließ ihn offenbar beide Augen zudrücken.

Schon seit Jahren sind aus Dresden Sirenengesänge zu hören. Das von Richard Wagner als „Wunderharfe“ gepriesene Ensemble passt dank seines Repertoires und seines dunklen, sämigen Klangs bestens zu den Interpretations-Vorstellungen des Dirigenten. Die Münchner Philharmoniker zwar auch – doch in Sachen internationales Renommee musizieren sie eben nur in der zweiten Reihe. Bislang kam es kaum zu Dresdner Konzerten, weil Thielemann auf seine Münchner Exklusivität pochte, wie Jan Nast, Orchesterdirektor der Staatskapelle berichtet. „Uns spielte jetzt eben die Münchner Situation in die Hände.“ Und Nast kann den Triumph in der Stimme kaum unterdrücken. Dabei hatte es bis vor kurzem noch so gut für eine Verlängerung von Thielemanns Münchner Amtszeit ausgesehen. Am gestrigen Sonntag wollte er sich endlich mit Kulturreferent Küppers treffen. Der hätte ihm ein Kompromissangebot unterbreitet: Wenn sich Thielemann und Intendant Paul Müller nicht einigen, sollte der Orchestervorstand als dritte Stimme mit an den Tisch gebeten werden. Aber andere Signale hatten den Star irritiert bis verärgert. Unter anderem ein Interview mit den Orchestervorständen, die gefordert hatten, Thielemann solle erklären, die Münchner Philharmoniker spielten bei ihm die erste Geige. Da war sie wieder: jene Mischung aus berechtigter Enttäuschung, Anmaßung und einer Portion Selbstüberschätzung, durch die Münchens Ansehen in der Klassikszene Schaden genommen hat.

Vor allem in der Nachfolgesuche dürfte dies eine Rolle spielen: Welcher Star lässt sich schon in der Chef-Arbeit gern überstimmen? Die Münchner Philharmoniker stehen nun jedenfalls vor einer entscheidenden Weichenstellung. Denn ein „Weiter so“ mit einem Dirigenten, der „nur“ das – allerdings beim Publikum äußerst beliebte – klassisch-romantische Repertoire bedient, wird offenbar abgelehnt.

Doch jener junge Dirigent, der hier à la Simon Rattle in Birmingham zum Star reift, muss erst einmal gefunden werden. Der Markt ist so gut wie leergefegt. Andere Orchester wie die Bamberger Symphoniker waren da vorausschauender, die gerade den 26-jährigen Robin Ticciati als Ersten Gastdirigenten verpflichtet haben. Andris Nelsons (31) käme für München infrage. Er hat sich indes bis zur Saison 2013/2014 in Birmingham verpflichten lassen. Und Gustavo Dudamel (27) passiert gerade das, was noch nicht gereifte Jung-Stars vermeiden sollten: Er ist Chef von drei Orchestern gleichzeitig.

Mehrere weitere Künstler sind für München im Gespräch. Genannt wird Semyon Bychkov (57), der das WDR-Sinfonieorchester verlässt, aber viel von seinem Nimbus als einstiger Karajan-Schüler eingebüßt hat. Möglich wäre auch, dass Daniele Gatti (48) doch nicht Nagano-Nachfolger an der Bayerischen Staatsoper wird und nach zwei Interimsjahren in Zürich zu den Philharmonikern wechselt. Der Mailänder hat hier in der Ära Levine erstmals Aufsehen erregt. Als Operndirigent ist er viel gefragt, muss aber derzeit in allen Musentempeln herbe Kritik einstecken. Seine Interpretation von Mahlers Vierter bei den Münchner Philharmonikern vor einigen Monaten war jedoch eine Sternstunde.

Denkbar ist aber auch Ingo Metzmacher (52). Ein neugieriger, hochambitionierter Dirigent, der für eine breite Repertoire-Öffnung steht, auch auf klassikferne Schichten ausstrahlt, allerdings nicht bei allen Orchestern beliebt ist. Mit der Konzertreihe „Wer hat Angst vor dem 20. Jahrhundert“ glückte ihm in Hamburg das Unfassbare – das Publikum riss sich um die Karten.

Zunächst müssen sich die Münchner Philharmoniker allerdings auf eines einstellen: Gastspiele und Tourneen, die mit Christian Thielemann für die Zeit nach 2011 geplant waren, dürften erst einmal platzen. Unter anderem prestigeträchtige Opern-Projekte in Baden-Baden, wo Thielemann von 2011 bis 2016 für Wagners „Ring des Nibelungen“ eingeplant ist. Den wird er dort auch dirigieren. Aber mit anderen Musikern: Das dortige Festspielhaus hat sich wohl schon bei der Staatskapelle Dresden erkundigt.

Markus Thiel

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