Dem Sitznachbarn direkt ins Gesicht

- Dieser Faust hat keine Lust. "Habe nun, ach . . ." Ach, hör doch auf! Genervt winkt er ab, gelangweilt fließen die Verse aus seinem Mund und seinem Sitznachbarn direkt ins Gesicht. Edgar Selge ist dieser Faust, und er ist einer von uns. Aus der zweiten Reihe im Parkett eines völlig umgestalteten Hamburger Schauspielhauses steigt er. Die Sitze zur Hälfte rausgerissen; stattdessen steht dort eine runde, sich drehende Spielfläche; die eigentliche Bühne umgebaut zu einem Spiegelbild des Zuschauerraums. Das Spiel ist mitten unter uns, die Schauspieler haben ihre Plätze im Publikum, und Goethes "Faust" wird zu einem Gemeinschaftsprojekt.

<P>18 Jahre lang war Edgar Selge an den Kammerspielen in München, unter der Regie von Jan Bosse hat er 1999 dort den Antonio in "Torquato Tasso" gespielt. Doch zuletzt zog es ihn nach Hamburg. Das Großereignis "Faust" ist Selges dritte Arbeit mit Bosse, und es ist die prestigeträchtigste, aber auch die gewagteste.<BR><BR>Denn ein Schatten schwebt über dem Deutschen Schauspielhaus, und der heißt Gustaf Gründgens. Seit der in seiner eigenen Inszenierung den Mephisto spielte, vor fast 50 Jahren, hat sich hier keiner mehr an das Stück heran getraut. Jan Bosse tut es jetzt, und sein Umgang mit dem zur Bürde gewachsenen Mythos ist größten Teils bewundernswert. Nur die Frage nach dem Warum dieser Inszenierung bleibt offen. Bosse will es wohl einfach so, Intendant Tom Stromberg wird das Prestige der Aufführung brauchen, und Edgar Selge ist derjenige, der die Arbeit macht.<BR><BR>Und wie er sich abarbeitet an Goethes Versen, an den großen, teils zum Zitat verkommenen Worten. Selge spielt den Faust mit dem Bewusstsein, eben dieser Faust zu sein, eine Theaterfigur, ein Mythos, einer, dessen Textzeilen die Zuschauer vollenden können. So geschieht es. Selge steht mitten im Publikum, klettert über die Balustraden, leiert den Zuschauern herausfordernd den Vers vor, fordert von ihnen den Endreim. Große Teile seines Textes stehen in Anführungszeichen. Wie und warum also "Faust" heute? Faust weiß es selbst nicht, mopst sich dabei und macht sich lustig.<BR><BR>Am Ende nackt</P><P>Wenn man das auch als freiwillige Kapitulation vor dem Stoff, vor der Metaphysik betrachten kann, Bosses Inszenierung gelingt grandios in der Auseinandersetzung mit ihrem Ort. Das Schauspielhaus ist ein einziger Resonanzkörper, in dem dieses Stück zu schwingen scheint. Die Schauspieler müssen nur in die Luft greifen und schon fließen die Worte durch sie hindurch - wie durch ein Medium, das gezwungen ist, die immergleichen Verse wiederzugeben. Das ganze Haus wird zur Welt des Stückes, an der Decke tanzen die Schatten, im Publikum sitzt ein Chor und lässt im Raumklang den Pudel schnaufen. Alle Magie ist hier Theaterzauber, das Diesseitige triumphiert.<BR><BR>Joachim Meyerhoff als Mephisto ist schlicht Fausts Spiegelbild. Austauschbar sind die beiden und identisch gekleidet. Schicht für Schicht entledigen sie sich dieser Häute. Am Ende steht der nackte Mensch, und aus dem Spaß wird Ernst. Selge schreit sich die Seele aus dem Leib, doch Gretchen hört ihn nicht. "Gerichtet", sagt Mephisto. Kein Gott.<BR><BR></P>

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