Sizilien liegt im Chiemgau

- Sie tragen den schwarzen Sonntagsstaat ihrer Ur-Großeltern. In der Hand halten die Männer weiße Kreuze, die Frauen kleine Blumensträuße. Manche zeigen stolz ihr Hochzeitsbild her. Andere gehören offensichtlich zur Mafia. Und sie singen um ihr Leben - die Sizilianer aus dem Chiemgau. In Pietro Mascagnis Verismo-Oper "Cavalleria rusticana", die am Freitagabend auf Gut Immling (bei Bad Endorf) umjubelte Premiere hatte, spielen die oberbayerischen Hobbysänger eine wichtige Rolle. Musikalisch unüberhörbar in den mächtigen Chorauftritten, aber auch szenisch, denn Regisseur Stefan Tilch erhebt das Volk zum Gegenspieler Santuzzas und Turridus.

Mit strenger Stilisierung und sparsamen symbolischen Andeutungen rückt er dem Verismo, jener Ende des 19. Jahrhunderts als Pendant zum Naturalismus auf dem Theater entstandenen Opernrichtung, zu Leibe. Charles Cusick-Smith fächerte ihm die u-förmige Bühne der Reithalle seitlich geschickt mit weißen Stellwänden auf (ideal für gekonnte Projektionen und Chorauftritte) und baute in die Bühnenmitte einen Guckkasten mit zwei Zimmern, karg möbliert mit Ehebett und Stehlampe oder Tisch und Stühlen.In dieser Stube sind Santuzza und Turridu, das unverheiratete Paar, ausgestellt, preisgegeben den feindlichen Blicken der mit Fingern und Messern auf sie zeigenden Dorfbewohner. Die ihre gesitteten Verhältnisse mit Nudelholz und Mistgabel in der Hand bekräftigen. Tilch hebt das Drama, die Eifersuchtsgeschichte auf eine gesellschaftliche Ebene und gibt ihr damit eine zeitliche Realität (in einem sizilianischen Dorf anno 1880), die weit über einen versuchten Bühnenrealismus hinaus packt.Nicht nur die von den "Sofia Solisten" unterstützten Immlinger Choristen singen und spielen unter emotionalem Hochdruck, auch die Solisten schlagen Funken aus der Reibung zwischen äußerer Stilisierung und innerer Glut - stets neu geschürt von Ivan Anguelov am Pult der Münchner Symphoniker.Er spannt die weiten Bögen, lässt das Melos fließen, fördert die Feinheiten von Holz und Harfe zutage und trumpft in den Fortissimi mit dem ebenerdig sitzenden Orchester gnadenlos auf. Da hält dann nur Alexandra Petersamer stand, die dem dramatischen Furor der Santuzza gewachsen ist. Mit raumgreifendem, sinnlichem Mezzo erfüllt sie ihren Part ohne Druck, ohne jedes Zuviel auch in der Darstellung und gerät nur in den wenigen extremen Spitzentönen an ihre (Sopran-)Grenzen. Weit enger gesteckt sind sie bei Michael Putsch. Problemlos macht er Turridus Zerrissenheit glaubhaft, doch forciert er seinen hellen Tenor mit so viel Kraft aus der Enge heraus und in die Höhen, dass er am Schluss hörbar Probleme hat. Daniella Böhm kredenzt als stimmlich ein wenig trockene Mamma Lucia Grappa statt Wein, und Veronika Farkas lockt als elegante Lola mit lyrischen Tönen.Stimmige Personenführung

Opernübergreifend singt Claudio Malgesini zunächst den im Rollstuhl sitzenden, betrogenen Alfio mit recht rauem Bariton und verwandelt sich hernach in den verschmähten Clown Tonio. Denn nach alter Sitte koppelt auch Tilch die "Cavalleria" mit Leoncavallos "I Pagliacci" ("Bajazzo"). Mehr noch, er entwickelt die Gaukler-Tragödie szenisch förmlich aus dem Vorgänger-Drama. Sogar der Pfarrer ist wieder dabei. Die Bühne bleibt: Aus dem Guckkasten wird der Thespiskarren, der nunmehr eine kitschbunte Puppenstube beherbergt, in der "Cavalleria rusticana" gespielt wird. Das Volk, jetzt im heutigen schwarzen Gewand samt Kindern in Weiß, hockt auf roten Klappstühlen auf der Bühne, wandert aber auch ab ins Parkett, durch das die Gaukler sich ihren Weg bahnen. Tilch nutzt Leoncavallos Spiel mit dem Spiel, mit Schein und Sein, misstraut dem Wirklichkeitsanspruch (des Prologs) und landet bei einem Theater auf dem Theater auf dem Theater auf dem Theater.Bis ins Detail hinein sorgt er - wie schon zuvor - für eine stimmige Personenführung und -charakterisierung. Und wird dabei unterstützt von Cusick-Smith, der den Pagliacci knallbunte Kostüme verpasst hat, und vom Dirigenten Anguelov, der mit den Symphonikern klanglich die großen Leidenschaften entfesselt und schließlich sogar siegt gegen störende, stampfende Disco-Rhythmen aus dem Tal. Während John Keyes als ausdrucksstarker Bajazzo und Evelyn Holzschuh als flattrige Nedda bei Sauna-Temperaturen leichte Höhenschwierigkeiten haben, sahnt Yongman Kwon als fescher Silvio mit dunkel timbriertem Bariton ab. Ein Gewinner im wirklichen, aber nicht im Bühnenleben, wo er erschossen wird. Und beim Applaus wieder aufsteht.

Vorstellungen: 21., 23., 28., 30.7., Tel. 0180/ 50 46 654.

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