Skalpell und Geigenbogen

München - „Geburts“-Konzert in Rottach-Egern – jetzt Gala in München: Das Deutsche Ärzteorchester besteht seit 20 Jahren

Dass es einmal 20 Jahre werden würden, damit haben am Anfang nur die wenigsten gerechnet. Doch genauso lange gibt es inzwischen das Deutsche Ärzteorchester. Grund genug, um den runden Geburtstag an diesem Samstag mit einem Galakonzert im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteig zu feiern. Der Grundstein zu dieser Erfolgsgeschichte wurde vom Münchner Arzt Dieter Pöller gelegt. Er hatte lange ein eigenes Laienensemble, ehe er sich entschloss, zusätzlich zu den verschiedenen Ärzteorchestern, die es in fast allen Bundesländern gab, ein gesamtdeutsches Ensemble ins Leben zu rufen.

Vor den Zeiten des Internets lief das freilich ganz simpel durch eine Anzeige im Deutschen Ärzteblatt ab. Aber das Interesse unter den Kollegen war auch so schnell geweckt, bald waren genügend Mediziner mit musischer Begabung gefunden. „So kam es zustande, dass wir vor 20 Jahren in Rottach-Egern unser Eröffnungskonzert gespielt haben. Mit Leuten, von denen wir viele noch nie zuvor gesehen hatten. Obwohl wir nur zwei Tage zum Proben hatten, war das ein Riesenerfolg, und alle wollten unbedingt weitermachen.“ So erinnert sich Christa Schmolke, die von Anfang an nicht nur einen festen Platz bei den Geigen hatte, sondern auch hinter den Kulissen die Fäden zieht. „Inzwischen ist das eine Art große Familie geworden, und ich als Sekretariat und Vorstandsmitglied bin sozusagen die Mama, die sich um alles kümmert.“

Was im Klartext vor allem eines bedeutet: viel Koordination. Schließlich verteilen sich die Mitglieder des Ensembles zwischen Hamburg und Rosenheim über die gesamte Republik. Da ist es unerlässlich, dass zumindest eine den Überblick behält, damit bei jedem Konzert alle wichtigen Positionen besetzt sind und jeder rechtzeitig seine Noten zum Üben hat. Nachwuchssorgen gibt es zwar, „aber auch das werden wir schaffen. Wir wollen ja kein Rentnerorchester sein und freuen uns immer, wenn junge Leute dazustoßen.“

Doch selbst wenn viele jetzt durch die Website neugierig geworden sind, funktioniert es meist immer noch über Mundpropaganda, die das Ensemble auf seine heutige Größe hat anwachsen lassen. Aktuell treffen sich 130 Ärztinnen, Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern dreimal pro Jahr zum Musizieren. Sie vertauschen dann Spritze und Skalpell für ein paar Tage mit Geigenbogen und Notenständer.

Dass ihre „Kinder“ alle mit Feuereifer dabei sind, das stand für Christa Schmolke auch jetzt bei den Proben im Kloster Seeon außer Zweifel. „Viele machen nebenbei sogar noch Kammermusik. Abends, nachdem wir den ganzen Tag geprobt haben, geht das los. Dann spielen die oft noch bis Mitternacht irgendwelche Trios oder Quartette, gehen nachher in die Kneipe, und dann sitzen sie am nächsten Tag alle wieder frisch um neun Uhr morgens bei der Probe. Und das eine Woche lang. Aber da schwächelt keiner. Daran merkt man einfach, dass es ihnen Spaß macht.“

Für alle ist das Orchester ein willkommener Ausgleich zum oft stressigen Krankenhausalltag und zudem die einzige Gelegenheit, dem Hobby außerhalb der eigenen Wohnung nachzugehen. „Wir sind in erster Linie ein großes Sinfonieorchester, und das ist es auch, was die Leute wollen, besonders natürlich die Blechbläser. Da muss man schon immer darauf achten, schöne Stücke zu finden, bei denen jeder etwas zu tun hat“, so Schmolke. Deswegen steht nach dem heutigen Jubiläumskonzert als nächstes Großprojekt das „Deutsche Requiem“ von Brahms auf dem Wunschzettel. Doch auch diesen Kraftakt wird man beim Ärzteorchester meistern. Denn um die Fitness der Musiker muss man sich hier keine Sorgen machen: „Egal, was für ein Zipperlein ansteht, man hat im Orchester immer den passenden Spezialisten zur Hand.“

Tobias Hell

Konzert diesen Samstag, 24. Januar, 18 Uhr, Gasteig, Tel. 0180/ 54 81 81 81.

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