Die Skepsis des Erwachsenen

- "Uns Schriftstellern bleibt heute nichts anderes übrig als das Denken. Denn wenn wir dies nicht tun, wenn wir nicht unsere Lage klarer einzuschätzen lernen, werden wir unseren Auftrag verfehlen." Dies das Credo Saul Bellows, das ihn innerhalb der großen realistischen Erzähltradition der amerikanischen Literatur eine Spitzenstellung einnehmen ließ. Jetzt ist der Schriftsteller im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Brookline im US-Staat Massachusetts gestorben. "Er war zusammen mit William Faulkner das Rückgrat der amerikanischen Literatur des 20 Jahrhunderts." So würdigte ihn in einer ersten Stellungnahme sein Schriftstellerkollege Philip Roth.

<P>"Das Kind in mir ist entzückt."<BR>Saul Bellow</P><P>Saul Bellow, einer der prominentesten amerikanischen Autoren der Gegenwart _ 1976 wurde er für seinen Roman "Humboldts Vermächtnis" mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet _ , stammt aus armen Verhältnissen. Als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer wurde er am 10. Juli 1915 im kanadischen Montreal geboren. Aufgewachsen aber ist er in Chicago, jener Stadt, die ebenso wie das jüdische Milieu seiner Familie den sozialen Hintergrund seiner Romane lieferte. Bellow blieb Chicago, wo er an der Universität Professor für Literatur und Soziologie war, fast sein ganzes Leben lang treu. Nicht so den Frauen. Der Schriftsteller war fünfmal verheiratet. Aus früheren Ehen stammen zwei Söhne, aus seiner letzten eine sechsjährige Tochter.<BR><BR>Die Romane Saul Bellows zeichnen jeweils ein breites Panorama der modernen amerikanischen Gesellschaft, getragen von einer tragischen Freiheits- und Schicksalsthematik, gespickt mit feinem Spott und eleganter Ironie, grundiert mit der komisch-absurden Tradition jüdischen Humors. Für diesen hochintellektuellen Autor hatte in der Literatur aber stets das Emotionale vor dem Rationalen, das Menschliche vor dem Gesellschaftlichen Vorrang. "Kein Philosoph weiß, was das Gewöhnliche ist; er ist nie tief genug hineingestürzt": Die Kenntnis dieser Tiefe, der individuellen Abstürze machten Bellow zu einem so menschlichen Autor.<BR><BR>Zu sich selbst hegte der Schriftsteller stets eine sympathische Distanz. Die Verleihung des Nobelpreises quittierte er mit dem nüchternen Geständnis: "Das Kind in mir ist entzückt; der Erwachsene in mir bleibt skeptisch." Mit dem Preis verbinde sich "ein heimliches Gefühl der Scham, weil so viele große Schriftsteller ihn nicht bekommen haben".<BR><BR>Den literarischen Durchbruch schaffte Saul Bellow im Alter von 29 Jahren mit dem Kurzroman "Der Mann in der Schwebe". Als 1953 sein Buch "Die Abenteuer des Augie March" erschien, zeigte sich die US-Kritik über das fast 800 Seiten umfassenden Werk begeistert. 1965 folgte der tragikomische Roman "Herzog", zehn Jahre später dann "Humboldts Vermächtnis".<BR><BR>Für Aufsehen sorgte Bellow noch einmal vor fünf Jahren, als sein letztes großes Werk erschien: "Ravelstein" _ ein Roman über seinen an Aids gestorbenen Freund und Kollegen Allan Bloom.<BR><BR></P>

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