Skulpturen am Rande des Ruinenfelds

- Abbruchstimmung. Bauruinen, Industrieabfälle, braches Land. Wenige Fotos später: Aufbaustimmung mit Bagger-Armeen und Gerüste-Wirrwarr. Das Vergehen und Werden eines Stadtteils birgt seine ganz eigene Atmosphäre und auch Ästhetik.

<P>Joachim Brohm hat zehn Jahre lang dokumentiert, wie im Norden Münchens aus einem alten Gewerbegebiet die Pläne zu einem neuen Wirtschaftsstandort und der "Parkstadt Schwabing" schrittweise verwirklicht wurden. 270 Bilder und ein Video konzentrieren sich im Münchner Stadtmuseum auf ein kleines "Areal", das auf das weite Feld funktionale Architektur, urbane Struktur, sozialer Wandel und die Suche nach Identität verweist. </P><P>Brohm hat eine eigene Art der fotografischen Dokumentation gefunden, sein Blickwinkel erfasst das optisch Packende im ganz Alltäglichen. Dieser Stil ist vor allem seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben. Seit 1992 kam er immer wieder und bei jedem Wetter auf die Baustelle, die bald Heimat für 12 000 Menschen werden soll. </P><P>Er kam, als das Industriegebiet schon dem Verfall preisgegeben war, und er beendete sein Projekt vor einem Jahr, bevor die Utopien des schöneren, moderneren Wohnens Realität wurden. Es sind also Zustände des Übergangs, die er festhält und die seltsamerweise eine zeitlose Allgemeingültigkeit erlangen. </P><P>Der akribischen Datierung steht die wüste, ungeordnete Baustellen-Landschaft gegenüber. Spuren menschlicher Anwesenheit und Ordnung finden sich lediglich in einigen flüchtigen Rastplätzen. Ansonsten sind es Zivilisationsreste, die das Areal abgrenzen. Eisenstäbe, Rohre, Betonplatten werden zu regelrechten Skulpturen am Rande eines Ruinenfeldes. </P><P>Brohm wechselt zwischen Nah- und Übersicht, spürt faszinierende Strukturen im Kleinen und Großen auf. Sein Blick ist zweckentfremdet bis abstrakt, die Farbe haucht dem Geschehen einen Anschein von Leben ein. Die Industrie wird zur doppelten Randzone der Stadt, der Fotograf zu ihrem Archäologen. Um kurz darauf das erste neue Werden in der gleichen kühlen Weise zu dokumentieren. </P><P>In diesem Feld des Umbruchs scheint die Werbung für die Parkstadt umso grotesker. Dass den Hochschul-Professor das Endergebnis nicht mehr interessiert, ist klar. Denn hier geht es um die Peripherie des Lebens.</P><P>Bis 16. Februar, Katalog 28 Euro. Zivilisationsreste als Zeugen des Übergangs: 270 dokumentarische Bilder und ein Video von Joachim Brohm sind in der Ausstellung zu sehen. </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Zuschauer des BR-Fernsehens kennen Vivian Perkovic von den Sendungen „Jetzt mal ehrlich“, „Puls“ und „on3-Südwild“. Seit einem Jahr ist die 39-Jährige, die etwa auch …
„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
„Zombie“ war der größte Hit der Band The Cranberries. Völlig überraschend ist Sängerin Dolores O’Riordan jetzt mit 46 Jahren gestorben. Unser Nachruf: 
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Wie ein normaler Arbeitstag bei den „Philis“ aussieht, verrät der Soloflötist Herman van Kogelenberg (38). Wir begleiteten ihn von der Probe am Samstag bis zum Konzert …
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie …
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben

Kommentare