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Ungewöhnlicher Ausritt: Dieses riesige Stahlross ist nur eines der spektakulären Kunstwerke, die ab Samstag in Gräfelfing auf dem Gelände der Firma Glück zu bewundern sind. Zustandekommen konnte die Aktion durch das Engagement des Kunstkreises und einer Reihe von Sponsoren.

Skulpturenpfad durch die Steinwüste

Gräfelfing - „Kunst im Kies" - mit diesem Projekt gehen Künstler neue Wege. In Gräfelfing darf sich das Publikum auf eine Kunstpräsentation der anderen Art freuen.

Ein Höllenlärm ist das. Riesige Lkw voller Kies rattern über die Waage am Fabriktor vorbei hinein in die Berge voller Gestein. Drüben läuft unaufhörlich das Förderband, tropfnass vom Gewitter plätschert der Sand herunter. Vorne, am Eingang zum üblichen Arbeitschaos, weist ein Riese mit ausgestrecktem Arm hinüber zu einem stilleren, planierten Areal inmitten der seltsamen Dünen. Dort ragen bunte Objekte aus der Steinwüste, wuchtet ein Kran Kunststücke umher, planieren Raupen Ausstellungsplattformen und laufen Bildhauer mit Arbeitshandschuhen einher und weisen die Baggerfahrer an, wo sie ihre Werke platzieren sollen.

„Kunst im Kies“ heißt das außergewöhnliche Projekt in Gräfelfing, das jetzt, nach einem halben Jahr Vorbereitung, im Endspurt ist. Knapp zwei Wochen lang wird auf dem Werksgelände der Firma Glück ein Skulpturenpfad der besonderen Dimension zu sehen sein. Ein Wochenende voller Aktionen wird ab Samstag nicht nur das 75-jährige Firmenjubiläum feiern - sondern vor allem auch die die gewagte Idee, 29 Künstler mit fast 40 Arbeiten in eine völlig fremde Arbeitswelt und Industrielandschaft zu integrieren.

2002 gab es schon etwas Ähnliches: Immenser Publikumszulauf, Begeisterung der Künstler und ein Wahnsinns-Aufwand, personell, finanziell und logistisch, waren das Ergebnis. Jetzt konnte der Kunstkreis Gräfelfing zusammen mit einer ganzen Reihe an Sponsoren und dem vollen Einsatz der Firma Glück erneut zum noch größeren Meisterstreich ausholen.

Momentan entsteht der Parcours da, wo soeben ein Biomasse-Heizkraftwerk per Bürgerentscheid abgelehnt wurde und wo bis vor kurzem noch eine Lagerhalle war. Dort wird jetzt ein Szenario nur für die Kunst aufgeschüttet und professionell verkabelt für die Illumination. „Es gibt in Deutschland sonst keine Ausstellung in einem aktiven Kieswerk“, erklärt Bettina Kurrle vom Kunstkreis Gräfelfing stolz. „Und das alles gratis für die Besucher.“

200 000 Euro Kosten plus großer Einsatz stecken dahinter. Der Förderverein ist für die Begeisterung und die Logistik gleichermaßen verantwortlich. Nach Jahren voller Träume und hartnäckigen Anfragen startete ab Weihnachten mit der Zusage von Glück und der offiziellen Genehmigung die Hauptarbeit: 138 Bewerbungen trudelten auf die Ausschreibung ein, eine Fachjury aus Künstlern, Vorstand und Firmenmitarbeitern wählte die hochkarätige Kunst aus, die zum Gelände passt. Das Gros der Künstler ist aus Bayern, aber auch internationale Ideen sind vertreten. Jetzt schreitet eine riesiges Stahlross über das Gelände, rollen mächtige Kugeln durch die Pyramiden, daneben entstehen zarte Bambustore. Kinetische Objekte bringen Bewegung in die Kiesberge, Land Art in leuchtenden Farben lässt das Gestein aufblühen. „Ausgewilderte Kunst“ ist das, die sich mit der Mondlandschaft gegenseitig befruchtet. Ein überdimensionaler Wasserhahn schraubt sich in die Hügel, tanzende Metallgesellen freuen sich über das Spektakel, die nächste Figur sonnt sich im Steinbett. Ein Schiff pflügt durch die Kiesel zur Kunstwelt, fröhliche Vorhänge geben ebenso wie gewaltige Stahlrahmen neue Blickwinkel frei.

Hintersinniges und Hochphilosophisches, „Wirrsinniges“, Integriertes, Erhabenes und vor allem Gegensätzliches ist zu sehen: Hoch über dem Gipfel ragen die bis zu sechs Meter großen Gebilde auf, die Kleinsten unter den Objekten ducken sich auf 65 Zentimeter zusammen.

Die letzten Skulpturen werden bei den Workshops am kommenden Wochenende enstehen. Gerade eben hat der Bagger dafür den Sand aufgeschoben.

Freia Oliv

16. bis 27. Juli;

Zufahrt über die Würmtalstraße; Eintritt frei; Katalog: 10 Euro

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