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„Springt höher“, feuert Joey McKneely seine Tänzer an.

Vor der München-Premiere

So jung ist die „West Side Story“

München - Vor 60 Jahren wurde in New York Leonard Bernsteins „West Side Story“ uraufgeführt. Choreograf Joey McKneely kommt jetzt mit einer jungen Truppe nach München ins Deutsche Theater. 

Sechs Jahrzehnte ist es her, dass sich 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre erstmals der Vorhang für einen der Musicalklassiker schlechthin hob, Leonard Bernsteins „West Side Story“. Grund genug für das Deutsche Theater, die zeitlose Story um Liebe, Hass und Hoffnung auf Versöhnung ab 25. April mit einem jungen, hochmotivierten Ensemble nach München zurückzuholen. Für die Inszenierung verantwortlich zeichnet dabei erneut Joey McKneely (Foto: Alastair Muir), der vor knapp 30 Jahren noch selbst unter der Leitung von Broadway-Legende Jerome Robbins einen der Jets verkörperte und nun eine optisch ins neue Jahrtausend übersetzte Version auf die Bühne bringt.

Jerome Robbins entwickelte die Original-Choreografie

Choreograf Joey McKneely

„Die Choreografie ist aber immer noch zu 90 Prozent Jerome Robbins“, sagt er. „Mit zehn Prozent McKneely, der den Tänzern immer wieder zuruft: ,Springt höher und dreht euch schneller.‘“ Denn viel gibt es für ihn an der ikonischen Produktion von Robbins nicht zu verbessern. „Er war ein Genie. Was er für ‚West Side Story‘ geschaffen hat, ist für mich eine der besten Choreografien, die man je in einem Musical gesehen hat. Er war sehr streng, gab einem als Tänzer aber immer die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken.“ Und genau dies versucht McKneely, nun auch an die nächste Generation weiterzugeben. Schließlich gehe es nicht darum, einfach nur die Schritte zu kopieren. „Wichtig ist, was du selbst durch diese Bewegungen zeigen willst. Deine Geschichte, deine Gefühle.“

Da gönnt er sich und seinem Ensemble bei aller Werktreue auch die eine oder andere kleine Freiheit. Wie etwa beim berühmten „America“, zu dessen feurigen Klängen er die Frauen nun barfuß über die Bühne sausen lässt, um der Nummer noch mehr Energie und Erdverbundenheit mitzugeben. Schließlich würde man das bei Familienfesten in Puerto Rico auch so machen.

Selbst für Broadway-Veteranen gibt es Neues zu entdecken

Egal, wie oft er das Stück selbst getanzt oder einstudiert hat, für den Broadway-Veteranen gibt es mit jedem Mal wieder Neues zu entdecken. „Es ist wichtig, das Stück frisch zu halten. Deswegen haben wir diesmal eine sehr junge Besetzung. Selbst wenn die Inszenierung sich am Original orientiert, hat es so doch immer wieder eine ganz andere Energie.“ Dies betrifft vor allem die Spielszenen. „Mit Petticoats und diesen merkwürdigen Frisuren würde es für uns wie ein Cartoon aussehen. Die Ästhetik hat sich seit den Fünfzigern doch stark verändert. Früher war es mehr eine Art Musical-Comedy, die sehr frontal ins Publikum gespielt wurde, während ich versuche, einen naturalistischeren, emotionaleren Weg zu finden.“

Donald Chan ist Bernstein-Schüler

Wo manch andere Tournee beim Orchester aus Kostengründen gerne mal etwas abspeckt, verweist der musikalische Leiter Donald Chan stolz darauf, dass man hier neben den originalen Tanznummern selbstverständlich auch die originale Broadway-Besetzung im Graben hat. Alles andere wäre für den Bernstein-Schüler nicht akzeptabel: „Entweder so oder gar nicht.“ Denn die Partitur hat es in sich. Nicht zuletzt für die Sänger. „Es ist leichter, junge Tänzer zu finden, weil sie mit ihrem Training sehr früh anfangen. Aber was die Gesangspartien betrifft, braucht man eine solide klassische Ausbildung, um dem gerecht zu werden.“ Die bringt neben der von Jenna Burns verkörperten Maria ebenfalls ihr Tony alias Kevin Hack mit, der diese Rolle bereits auf der US-Tournee verkörperte. „Ein Song wie ‚Maria‘ ist so einfach und doch so kraftvoll. Da muss man seine eigenen Antworten finden, um diesen Moment wirklich überzeugend rüberzubringen. Tony hat die Frau gefunden, mit der er den Rest seines Lebens verbringen will. Das muss man in jeder Note spüren.“ Wie Hack erinnert sich auch Anita-Darstellerin Keely Beirne noch genau an ihre erste Begegnung mit dem Stück. „Es war eine High-School-Aufführung, in der meine ältere Schwester die Anita gespielt hat. Die Rolle liegt quasi in der Familie. Mit fünf Jahren habe ich damals natürlich noch nicht die volle Dimension verstanden, und als dann im zweiten Akt der Schuss fiel, habe ich laut ,Neeeeeeein‘ geschrien. Bis heute kann ich von dieser Musik nicht genug bekommen. Und ‚America‘ tanzen zu dürfen, ist ein echter Traum.“

Die Botschaft des Musicals ist heute noch aktuell

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen US-Wahl hat das Stück für sie auch nach 60 Jahren nichts von seiner Aktualität verloren. „Alles, was passiert, passiert aus einem Grund. Und ich bin froh, dass wir gerade jetzt die Chance haben, mit diesem Musical auf Tournee zu gehen und unsere Geschichte zu erzählen.“ Dem stimmt auch Kollegin Jenna Burns zu. „Manchmal braucht man nach einer besonders intensiven Vorstellung schon eine Umarmung, um wieder in der Realität anzukommen. Aber die Furcht vor dem, was anders ist, darf nicht siegen. Das ist die Botschaft, die ich aus diesem Stück mitnehme. Damit meine ich nicht nur über Unterschiede hinwegzusehen, sondern auch zu versuchen, gerade das zu akzeptieren und zu feiern, was uns verschieden und besonders macht.“

Informationen:

Die „West Side Story“

läuft ab 25. April im Deutschen Theater in München; Telefon: 089/ 55 234 444.

Tobias Hell

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