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Rauschhafte Nächte im Admiralspalast: das Ensemble von „Berlin Berlin“

Die Zwanzigerjahre-Revue feierte Premiere im Deutschen Theater

„Berlin Berlin“ spielt jetzt in München

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Sie waren nicht nur „golden“, die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Revue „Berlin Berlin“ thematisiert die vielen Aspekte des oft zitierten „Tanzes auf dem Vulkan“. Jetzt hatte die Show im Deutschen Theater München Premiere. Lesen Sie hier unsere Kritik: 

Die Rettung kommt – einmal mehr – von einer Frau: Da stimmt Martin Bermoser die erste Strophe von „Minnie the Moocher“ (1929) an. Doch so tapfer er sich auch müht – Cab Calloway, der mit diesem Song berühmt wurde, ist weit, weit weg. Es braucht Sophia Euskirchen, damit die Jazznummer im Deutschen Theater zündet. Mit ihr, die die rastlose Femme fatale und Tänzerin Anita Berber spielt, kommen endlich die Tiefe und der Witz, das Dunkle, der Dreck und der Sex ins Lied. Sie erreicht nicht nur Ohren, sondern Herz, Eingeweide und alles andere auch. Ja, Euskirchen ist die „härteste Härte“, um die es hier geht. Und dass die kleine Frau ein „Herz, so groß wie ein Wal“ hat, ahnte man bereits. Das ist der Beweis.

Diese Szene sagt viel über die Zwanzigerjahre-Revue „Berlin Berlin“, die nach ihrer Uraufführung im Dezember an der Spreenun in München an der Schwanthalerstraße gastiert. Am Mittwoch war die heftig beklatschte Premiere des etwas mehr als zweieinhalb Stunden langen Abends (eine Pause).

Im Zentrum steht eine Show im Admiralspalast

Autor und Regisseur Christoph Biermeier erzählt von den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts im Rahmen einer Show im Berliner Admiralspalast. Der Vergnügungstempel an der Friedrichstraße erlebte von 1923 an mit opulent ausgestatteten, prachtvoll choreografierten und mitreißend musizierten Revuen seine Glanzzeit. Die Macher zitieren nicht nur jene Dekade, sondern greifen beherzt zu allem, was ihnen sinnvoll erscheint. Marlene Dietrich darf im Hosenanzug auftreten (was sie erst nach der Emigration in die USA in den Dreißigern tat), und aus dem 1966 uraufgeführten Musical „Cabaret“, das in den Zwanzigern spielt, gibt es den Titelsong sowie „Mein Herr“.

In „Berlin Berlin“ bekommen die großen Namen des Jahrzehnts – die Dietrich, die Berber, die Comedian Harmonists, Josephine Baker – ihre Auftritte. Eingebettet in die Zeitläufte werden diese durch den Conférencier, den alle hier nur den „Admiral“ nennen. Ein locker-verführerischer Luftikus will der sein – stets ist aber zu spüren, wie viel Anstrengung Martin Bermoser das kostet. Er begrüßt mit großem Tamtam und ebensolchen Worten: „Hier gärt’s, hier brodelt’s, und Sie sind mittendrin“, verspricht er. „Willkommen im Bauchnabel der Welt.“

Tanz und Musik sitzen in „Berlin Berlin“ auf den Punkt

Das klingt sündig gut – und doch wirkt es, als stecke der Körper, um dessen Nabel es geht, in einem Frottee-Pyjama. Umfangreich kündet der „Admiral“ von Lust und Leidenschaft, von Verruchtheit und Verbrechen, von Nutten und Notgeilen, von weißem Schnee und grünem Absinth. Allerdings bleiben seine Worte Behauptung. Das kann man dem Darsteller, der sich redlich müht, kaum zum Vorwurf machen. Das Problem des Abends ist, dass die Texte, die Biermeier und Co-Autor Thomas Lienenlüke geschrieben haben, oft allzu papiern sind: eine Aneinanderreihung von Standardformulierungen über den „Tanz auf dem Vulkan“ – dabei birgt aber kein Satz die Gefahr des tatsächlichen Absturzes. Textlich glimmt’s hier auf Sparflamme.

„That Lindy Hop“ ist ein erster Höhepunkt des Abends

Sehr viel besser als die Conférencen glücken die Musik- und Tanzeinlagen, die im Zentrum der Show stehen. Hier können sich der Regisseur und sein Choreograf Matt Cole auf ein hoch engagiertes Ensemble verlassen, das mit sichtlicher Freude tanzt und steppt. Jede Einlage sitzt punktgenau – ohne je antrainiert zu wirken. Kein Wunder, dass der mitreißende „That Lindy Hop“ ein erster Höhepunkt des Abends ist. Für einen weiteren sorgt Sebastian Prange, der als urkomischer Kutte das Publikum zum „Lachfoxtrott“ von Will Meisel animiert.

Das Orchester im Bühnenhintergrund ist perfekt abgemischt. Der Truppe um Jeff Frohner gelingt es, den Charakter der bekannten Melodien herauszuarbeiten und sie dennoch frisch klingen zu lassen – dies ist vor allem Trompeter David Csizmadia zu verdanken, der markante Spitzen setzt, während Charlie Maguire am Schlagzeug dem Treiben ordentlich Druck macht. Die Darsteller haben die Bürde, dass viele Songs heute noch sehr präsent sind – nicht allen glückt es, aus den Nummern „ihre“ Lieder zu machen. Neben Euskirchen ist es vor allem Dominique Jackson, die als Josephine Baker gesanglich und darstellerisch beeindruckt. Die Baker sollte übrigens am 14. Februar 1929 ein Gastspiel im Deutschen Theater geben. Doch die Münchner Stadtverwaltung verbot den Auftritt der „Negernackttänzerin“ aus Sorge vor der „Verletzung des öffentlichen Anstandes“.

Biermeier nutzt jene Szenen, um vom Ende des rauschhaften Lebens zu erzählen. Mit einer für das Genre unüblichen, aber notwendigen, wichtigen Härte thematisiert er das Erstarken der Nationalsozialisten, den braunen Terror und schließlich die Vertreibung oder Vernichtung all dessen, was für ein freies, offenes Deutschland steht. Hier schlägt „Berlin Berlin“ einen Bogen ins Heute – und gibt dieser Show am Ende überraschende Tiefe.

Weitere Vorstellungen

bis 19. Januar 2020 im Deutschen Theater München; Karten unter Telefon 089/55 234 444. 

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