Sodomie - Liebe, Lüge oder Wahrheit?

- "Jedes Mal denke ich: Das gibt's doch nicht, dass es so schwer ist." Aber auch diesmal ist es wieder ein komplizierter Brocken, den August Zirner zu bewältigen hat. Erstens schon einmal deswegen, weil er nach langjähriger Pause in München endlich wieder Theater spielt, und zweitens in einem Stück, das keck ein bislang absolutes Tabuthema als Grundidee für eine Boulevardkomödie nutzt: Sodomie. Martin, der gut bürgerliche und viel geehrte Architekt, geht fremd - mit Sylvia, der Ziege.

<P>"Die Ziege oder Wer ist Sylvia?" ist der jüngste Text Edward Albees. Die deutschsprachige Erstaufführung erfolgte vor wenigen Wochen in Wien. Morgen ist das Münchner Volkstheater dran. Es inszeniert Christian Stückl. Den vom rechten Weg der Liebe von Mensch zu Mensch abgekommenen Familienvater spielt August Zirner.<BR><BR>Wie es kam, dass Zirner diese vielleicht doch nicht ganz leicht nachvollziehbare Rolle ausgerechnet am Volkstheater spielt? Das hat natürlich in erster Linie mit ihm selbst zu tun. Denn Zirner, der als Kind deutscher Emigranten gebürtiger Amerikaner ist und mit seiner Familie am Chiemsee lebt, avancierte, nachdem er 1988 die Münchner Kammerspiele verlassen hat, zwar zu einer Fernsehgröße. Doch das Theaterspielen hat er nie aufgegeben. Es ist die "unmittelbare Kommunikation", die ihn immer wieder von der Kamera weg zur Bühne treibt.<BR><BR>Vor zwei Jahren wurde ihm "Die Ziege" zum Lesen zugesandt: "Damals probierte ich bei Luc Bondy in Zürich ,Auf dem Land. Und mich interessierten gerade die Fragen: Was kann ich glauben, was nicht? Ist die Lüge stärker als die Wahrheit? Ich dachte: ein tolles Stück. Wohl ein Boulevardstück, aber man knackt es nicht auf der Konversationsebene. Zum Lesen nicht geeignet, man muss es spielen." Nach der Lektüre folgte die Überlegung: "Welcher Regisseur könnte dieses Boulevardeske konterkarieren?" </P><P>Da sei ihm die "Volksvernichtung" eingefallen, Christian Stückls erste Kammerspiele-Inszenierung. Und es traf sich gut, dass Zirner mit dem jungen Schauspieler Florian Stetter gedreht und der ihm so viel vom Volkstheater erzählt hat. "Also habe ich den Stückl, als ich ihn im Sommer in Salzburg traf, daraufhin angesprochen."<BR><BR>"Was wirklich auf diesem Feld passiert, das bleibt  mein Geheimnis."<BR>August Zirner</P><P>Die große Gage gibt's am Theater nicht, und am Münchner Volkstheater erst recht nicht. Dass ihm das nicht das Wichtigste ist, glaubt man dem ernsten, so besonnen wirkenden Zirner sofort. "Mir geht's ums Stück, um die Ehrlichkeit der Interpretation. Seit 28 Jahren bin ich in dem Beruf, und zunehmend habe ich das Gefühl: Die Ehrlichkeit ist das einzige, worum es in diesem Metier geht." Diesbezüglich fühlt er sich bei Christian Stückl gut aufgehoben, denn: "Er ist der uneitelste Regisseur, dem ich jemals begegnet bin." Wobei auch die anderen nicht die schlechtesten waren. </P><P>Neben Luc Bondy nennt Zirner vor allem Peter Stein, bei dem er anlässlich der Wiener Festwochen die Uraufführung von Botho Strauß' "Die Ähnlichen" gespielt hat:<BR>"Peter Stein verdanke ich sehr viel. Eigentlich hätte ich, statt Gage zu kassieren, ihn bezahlen müssen. Denn als die Proben begannen, war ich zutiefst depressiv, und ich kam geheilt aus der Produktion heraus. So habe ich mir auch noch die therapeutischen Sitzungen gespart. Das ist ja das Faszinierende an unserem Beruf: Das Spielen hat eine vernichtende, zerreißende Kraft, die einen gleichzeitig wieder aufbaut. Man erfindet und findet sich jedes Mal neu."<BR><BR>Und wie geht es ihm selbst als Zuschauer? Zirner: "Ich habe mir ,Onkel Wanja im Residenztheater angesehen. Es war wunderbar. Da habe ich mir während der Vorstellung gedacht: Dafür zahle ich wirklich gerne Steuern. Ich war richtig stolz auf dieses Ensemble, darauf, dass es das überhaupt gibt."<BR><BR>Wahrheit oder Lüge - darum geht es letztlich immer auf der Bühne. Was es damit in der "Ziege" auf sich hat, was dran ist an Martins Geständnis, zu lieben und seine Frau mit jener vierbeinigen Schönen zu betrügen, verschweigt August Zirner diskret: "Ich wäre kein Schauspieler, wenn ich Ihnen darauf antworten würde. Was wirklich auf diesem Feld passiert, das bleibt mein Geheimnis." Nur so viel: "Das Thema ist sehr ernst und sehr komisch. Das Thema ist Sylvia und die Frage: Was ist Sylvia? Ich hoffe, dass unsere Mittel reichen, das Paradoxe und das Komische in diesem Stück herauszubringen. Es geht um Menschen und darum, was Menschen glauben und warum sie etwas glauben wollen. Mit nichts kann man so gut lügen wie mit der Wahrheit."<BR><BR></P>

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