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„Söder ist kein Landesvater“

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Von: Rudolf Ogiermann

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Weitermachen wie bisher? Helmut Schleich glaubt, dass die CSU trotz ihrer Verluste genau diese Strategie verfolgt. © Foto: Sigi Jantz

Der Münchner Kabarettist Helmut Schleich analysiert die Ergebnisse der Landtagswahl vom Sonntag

München - Die Landtagswahl ist gelaufen, CSU und SPD sind gerupft, Grüne und Freie Wähler gestärkt, die AfD erstmals im Maximilianeum, die FDP zurückgekehrt. Zeit für eine Analyse – aber zur Abwechslung einmal nicht durch einen Politikwissenschaftler, sondern durch einen Kabarettisten. Und wer wäre da geeigneter als Helmut Schleich (51), dessen berühmteste Bühnenfigur die des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß ist?

Markus Söder hat am Sonntagabend stets betont, die CSU habe einen klaren Auftrag, die Regierung zu bilden...

Helmut Schleich: Na ja, das ist nicht mehr als eine Sprachregelung, die unglaublich gut klingt. Natürlich bleibt die CSU mit Abstand stärkste Partei – und wird wohl jetzt den Plan schmieden, schnell Hubert Aiwanger einzuseifen, um dann möglichst so weiterzumachen wie bisher. Mit König Markus, der alle Probleme in drei Minuten löst.

Ein ehemaliger Landesvater und Ex-CSU-Chef hat die These gewagt, durch die Masseneinwanderung von Deutschen nach Bayern sei das Wahlergebnis verwässert worden.

Schleich: Das war nicht die These eines Ex-CSU-Chefs und ehemaligen Landesvaters, sondern die von Edmund Stoiber, dem Brotzeitholer von Franz Josef Strauß. Damit ist doch schon alles gesagt. Der CSU ist es in ihrer Geschichte immer gelungen, neu zugewanderte Menschen zu integrieren. Das hat sie mit den Heimatvertriebenen geschafft, mit den Spätaussiedlern und nach 1989 sogar mit den Sachsen. Doch bei den neoliberalen Preußen, die sich zwischen Eigentumswohnung und Biotonne mit dem elektrisch angetriebenen Lastenfahrrad bewegen, gelingt ihnen das nicht mehr. Die finden bei den Grünen ihre politische Heimat.

Hat die Dauerfehde zwischen Markus Söder und Horst Seehofer auch zum schlechten Ergebnis beigetragen?

Schleich: Einig waren sich die CSU-Spitzen immer mal wieder nicht seit dem Ende von Strauß, ich erinnere an Stoiber und Theo Waigel. Dass Seehofer jetzt auf den letzten Metern seiner Karriere auf dem Egotrip ist, hat allerdings mehr mit Angela Merkel zu tun und weniger mit Markus Söder. Aber für Söder ist das natürlich eine bequeme Ausrede, dass der Seehofer an allem schuld sei. Es ist aber schon auch so, dass viele in Söder keinen überzeugenden Landesvater sehen...

...weil er Franke ist?

Schleich: Sie meinen, dass ein bayerischer Ministerpräsident nicht aus den Kolonien kommen darf? Nein – ich glaube, dass viele in ihm einen Politiker sehen, der zuerst an seinem eigenen Fortkommen interessiert ist und sich erst dann fragt, was das Land davon hat.

Kommen wir zur SPD. Bayern war ja nie ein Stammland der Sozis – aber ein solcher Absturz, nicht zuletzt in der Stadt Christian Udes...

Schleich: Da muss man differenzieren. Ude war ja als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl vor fünf Jahren auch nicht gerade überzeugend mit seinem Ergebnis von 20 Prozent. Aus heutiger Sicht ist das viel, wurde aber damals schon als Pleite gewertet. Dass es so weit gekommen ist, liegt daran, dass man die Leute, auf Deutsch gesagt, irgendwann nicht mehr länger verarschen kann, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das Desaster von Berlin, der erneute Eintritt in die Große Koalition – das war einfach zu viel. Jetzt ist der Ofen aus, und ich glaube, dass er sich auch nicht mehr anheizen lässt.

Dann sind die Grünen die neue SPD in Bayern?

Schleich: Es sieht so aus. Im Prinzip hat sich da nur innerhalb des Lagers links der Mitte etwas verschoben.

Was sagen Sie zum Erfolg der Freien Wähler? Typisch bayerisch?

Schleich: Die Freien Wähler sind im Grunde genommen in der Wolle gefärbte Schwarze, die sich ursprünglich aus kommunalpolitischen Gründen von der CSU abgewendet haben. Sollten sie mit der CSU koalieren – ich denke, dass es auf diese Konstellation hinausläuft –, dann kommt es darauf an, ob sie es schaffen, ihr eigenes Profil zu wahren. Sonst geht es ihnen wie der FDP, die damals in der Koalition unter Seehofer irgendwann nicht mehr wahrgenommen wurde.

Wer in Bayern nicht die AfD gewählt hat, wird vermutlich jetzt aufatmen.

Schleich: Ja, das sehe ich auch so. Die Themen der AfD haben zuletzt keine Rolle mehr gespielt, die Wahrnehmung dieser Partei war gering. Das ist doch ein guter Anfang. Viele, die sie vielleicht gewählt hätten, sind doch vor der immer stärkeren Annäherung der AfD an die Neonazis zurückgeschreckt. Und wenn es der Partei nicht gelingt, sich davon freizumachen, dann wird sie – zumindest in Westdeutschland – bald wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken..

Einen Satz bitte noch zur FDP – die ist ja auch wieder knapp drin.

Schleich: Stimmt! I wui sowieso koa FDPler sei, aber am Sonntagabend hätte ich garantiert keiner sein wollen.

Nachdem Sie gute Kontakte zum „Großen Vorsitzenden“ haben – wie würde er auf Bayern und auf seine CSU herunterschauen?

Schleich: Mein Lieblingszitat lautet: „Es gibt eine normative Kraft des Faktischen, aber keine Fakten ersetzende Kraft des Phraseologischen.“ Genau das hat die CSU in diesem Wahlkampf deutlich zu spüren bekommen. Diesen Satz sollten sich aber auch die Grünen zu Herzen nehmen. Für die Zukunft.

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