Vom Sofa ins Meer

- Da hat er zwei üppige Schatztruhen geöffnet! All überall bordet es über vor Leibesfülle. Ergießen sich Früchte, Weinreben, Ähren aus mythologischen Füllhörnern. Fischelt's oder jagert's, pritschelt's oder duftet's in den Prachtschinken; strahlen Farben und Stofflichkeiten um die Wette - Opulenz satt.

<P>Mit seiner fulminanten Doppelpräsentation hat Christoph Vitali unter dem launigen Titel "Barocke Sammellust" noch einmal kräftig zugelangt. Ein Rundumschlag in den bis dato weitgehend unbekannt und im Verborgenen gebliebenen, spektakulären "Privatkabinetten" des 18. Jahrhunderts - den Sammlungen "Samuel von Brukenthal" aus Hermannstadt (Sibiu) und "Schönborn-Buchheim", aus Wien. Kurz: Ein wahrlich glänzender Abschluss-Coup ist Vitali mit seiner letzten Schau im Haus der Kunst gelungen - all jenen zum Trotz, die nicht wissen wollten, was für einen organisatorischen und künstlerisch sicheren Prachtkerl sie aus München ziehen lassen. <BR><BR>Was die Ausstellung beispielhaft vor Augen führt: den Wandel in der Sammlungsgeschichte ab Mitte des 18. Jahrhunderts. Einst hatte man mit so genannten "Kunst- und Wunderkammern" begüterter Fürsten zu tun. Dort nahmen Gemälde nur einen kleinen Part im Makrokosmos aus Mineralien, Kuriosem, Antikem ein. Schließlich wollte sich auch das gebildete Bürgertum auf Bildkunst spezialisieren. Frans Franckens Ölgemälde "Galerie eines Sammlers" (Schönborn-Buchheim) mit seinen von Bildern tapezierten Wänden ist ein Beispiel solcher Sammelwut. Fantastisch dazu "Das Wunderkammerregal" von Georg Hinz (Brukenthal): ein Augentäuschungsbild, das die ganze Bandbreite von Vanitas- und Vergänglichkeits-Nippes feilbietet. Das Gemälde fungiert als regelrechter Katalog von Muscheln, Perlenketten, Ohrgehängen, Taschenuhren, feinsten Glaskelchen - und natürlich Totenschädeln. <BR><BR>Gemein ist beiden Collectionen - die durch etwa eine Generation getrennt sind - die inhaltliche Ausrichtung: niederländische und flämische Malerei. Wer also verstärkt auf Religiöses oder Historienbilder hofft, sucht (fast) vergebens. Der Schwerpunkt der Sammlungen liegt nun einmal auf Mythologischem, Stillleben und Genrebildern. Deshalb finden wir in beiden Sammlungen kleinformatige Alltagsszenen. Handwerker und Bauersleute bei der Arbeit, Heimisches in der Stube, Wirtshausraufereien von Andries Both, Jan van Bylert, Adriaen Brouwer. Besonders schön der kleinformatige Einblick in das Leben des "Astronom" von Gerard Dou. Ein Paradebeispiel des Hell-Dunkels, das die Nachterfahrung von einst, den Ort der Ideen und das Erleben von Finsternis mittels des Kerzenlichts im stockdusteren Forscherzimmer erlebbar macht.<BR><BR>Herrlich auch die immer wiederkehrenden Bilder im Bild mit doppelter, dreifacher Rahmung wie in Franz van Mieris' d. Ä. schalkhaftem "Mann mit Pfeife am Fenster", den der Bildrahmen, der rankende Efeu und das Fenster-Gemäuer in Szene setzt.<BR><BR>Dass der ästhetische Genuss und die gesellige Unterhaltung den Sammlern wichtiger war als die Zusammenstellung einer repräsentativen Schau beweist vor allem die große Begeisterung für Jagdszenen: Besonders Domenico Brandis "Jagd am Waldesrand" zeigt, was barocke Kunst der Stofflichkeit meint. Seine Wildschwein- und Hirschhatz gleicht einem einzigen, großen Gobelinmuster: Das glatte Fell der verletzten Jagdhunde kontrastiert mit dem widerborstigen des Ebers sowie dem fein ziselierten, gülden rauschenden Blattwerk der Bäume.<BR>Übrigens gülden, Gobelin und fein: Die Kunstwerke der Sammlung Schönborn-Buchheim bestechen nicht nur durch ihre Werke von Rubens, Jordaens und Cortona, sondern auch durch die exquisiten Möbel. Allen voran ein Schreibsekretär von 1720 aus massivem Nussbaumholz mit gravierten Einlagen aus Zinn.<BR><BR>Wen aber der Rundgang vom Mythologischen zu den Blumen- und Fruchtstücken sowie Stillleben, vom Hell zum Dunkel bis hin zu den adeligen Jagdgewehren, "Pürschroh" und "Vogelflinte", zu Porzellanen und Fayencen gar zu erschöpft, der kann Platz nehmen: Auch von einer mittig arrangierten, weinroten Samt-Liegelandschaft aus dürfen die Besucher in das Meer der Bilderflut eintauchen. Und dies sinnigerweise mit Jacob Jordaens riesigem Bild "Gaben des Meeres".</P><P>Bis 11. Mai, 10-22 Uhr; Tel.: 089/ 21 127 123. Zwei Ausstellungskataloge: Schönborn-Buchheim: 35 Euro; Brukenthal: 65 Euro.<BR></P><P> </P>

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