Sohn und Schauspieler

- Vermutlich wäre sie auch von diesem Buch nicht begeistert gewesen. Schon bei der ersten autobiografischen Erzählung ihres bekannten Sohnes vor vielen Jahren entrüstete sie sich: "Das wirst du doch hoffentlich nicht drucken lassen? Wie kommst du überhaupt dazu, über mich zu schreiben? Ich habe mein Privatleben immer für mich behalten, und jetzt sollen das Krethi und Plethi lesen?" Doch der schreibende Sohn - der Schauspieler Mario Adorf - hatte damals schon Gefallen gefunden an authentischen Familiengeschichten. Jetzt berichtet er ausführlich über seine geliebte Mutter Alice, eine bescheidene, stolze, zähe Frau, der ihr aufregendes, ruheloses Leben nichts geschenkt hat. Außer einem Sohn, den sie - allein - in liebevoller Schroffheit erzog.

"Das wirst du doch hoffentlich nicht drucken lassen?"

Mario Adorfs Mutter

Morgen feiert Mario Adorf seinen 75. Geburtstag. Zu diesem Anlass erscheinen im Verlag Kiepenheuer & Witsch gleich zwei neue Bücher - von ihm, über ihn. Das eine, "Mit einer Nadel bloß", ist die nicht unsentimentale und berührend offenherzige Hommage an seine Mutter, sieben Jahre nach deren Tod. Das andere, "Bilder meines Lebens", schöpft aus dem großen Fotoarchiv Adorfs. Es illustriert Leben und Karriere des Künstlers, begleitet von Kommentaren und Rückblicken einiger Freunde und Kollegen. "Von Mario konnte man vieles lernen", schwärmt Regisseur Helmut Dietl, zum Beispiel wie man das richtige Fotogesicht machte - "als stünde man einer schönen Frau gegenüber".

Der Frauenschwarm in Adorf eben - auch er kommt nicht zu kurz in seiner Foto-Retrospektive, genau wie die zahlreichen Schauspielrollen als Gauner, Gönner, Geistlicher. "Meine Mutter litt sehr viel mehr darunter als ich, dass es anfangs so aussah, als würde ich mein Leben lang Schurkenrollen spielen müssen", erinnert sich der Sohn. Vor allem die Kostüme hätten der gelernten Schneiderin missfallen: "Nur Lumpen!"

Mag sein, die vielen Gaunerrollen waren auch ein Produkt seiner halbitalienischen Herkunft: sein Vater, ein kalabresischer Chirurg, den seine Mutter als Röntgenassistentin in Siderno kennenlernte. Weil der verheiratete Mann ihn weggegeben hätte, zog Alice ihren Sohn in ihrer eigenen, ungeliebten Heimat Mayen in der Eifel auf. Während sie mit ihrem "Marterinstrument" (Adorf), der Nähmaschine, Geld verdiente, sammelte er beim Aufsagen von Liturgien im Waisenhaus erste Auftritte. Später wird er in München auf die Schauspielschule gehen, Theater spielen, Filme drehen, Hollywood probieren und wieder verwerfen - immer wird ihn dabei seine Mutter als härteste Kritikerin, aber auch als leidenschaftlichste Archivarin seiner Zeitungskritiken begleiten.

Adorf erzählt wie üblich auf leichte, heitere, beinahe lakonische Art; selbst schon bekannte Erlebnisse - etwa aus seiner Autobiografie "Himmel und Erde" (2004) - regen so erneut zum Schmunzeln an. In seinen Berichten sei Adorf stets ein Held, der sich als "wunderbaren Verlierer", als "Antihelden" darstelle, so sein Kollege Armin Mueller-Stahl in einer Laudatio. Und Volker Schlöndorff bezeichnet Adorfs Erzählstil als "poliert wie eine kleine Kabarettnummer". Doch während sich seine Freunde in ihrer Bewunderung übertreffen, tat Adorfs Mutter seine Geschichten bloß als "Schmonzetten" ab.

Die Dankbarkeit überwiegt zwar die Bitterkeit, doch Wehmut liegt in solchen Erinnerungen. Der erfolgreiche, beliebte Schauspieler und der sensible, liebende Sohn: Man muss schon beide Seiten kennen, um dem Jubilar Adorf gerecht zu werden. Gerade im Kontrast seiner beiden neuen Bücher, dem Bildband und der Erzählung, eröffnet sich dieser doppelte, unterhaltsame wie spannende Einblick.

Mario Adorf: "Mit einer Nadel bloß". Kiepenheuer & Witsch, Köln, 160 Seiten; 16,90 Euro.

"Bilder meines Lebens", 160 Seiten; 24,90 Euro.

Festabend am 8.9. im Prinzregententheater, Tel. 089/ 21 85 28 99.

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