"O sole mio" vom Tataren-Tenor

- Die Russen sind da. Frankfurter Bücher-Jahrmarkt - so sagen sie in ihrer Sprache zur internationalen Buchmesse. In diesem Jahr ist Russland Schwerpunktland auf dem weltgrößten Bücher-Umschlagplatz. Doch wer sich dem Ländermotto vor allem widmet, das sind die deutschsprachigen Verlage. Mit ihrem großen Angebot an Klassikern und neuer Literatur aus dem Lande Putins erweisen sie den Autoren von Moskwa, Wolga und Newa sowie deren russischen Verlagen gezielte und verstärkte Aufmerksamkeit.

<P>Die Grundlage dafür ist gut; denn hierzulande liebte man einst die großen Romanciers des Zarenreichs. Ganze Generationen Jugendlicher fühlten und litten mit den Romanfiguren Dostojewskis. Und bis heute empfinden wir die Stücke Anton Tschechows als absolut modern. Die Neugier auf Russisches jenseits aller Radauberichte von organisierter Kriminalität und Zuhälterei musste also nur aufs Neue geweckt werden.</P><P>Eine Neugier, die schon beim Messerundgang ihren Dämpfer erfährt. Der Beginn im Forum, jener Halle, die dem jeweiligen Schwerpunktland zur eigenen Präsentation vorbehalten ist, enttäuscht erst einmal gründlich. Eine Russland-Ausstellung ohne jedes Konzept. Spießig wie zu Väterchen Breschnews Zeiten. Sozusagen erschlagen wird schon mal der ganze Raum durch die fast mannshohe, leicht angeschrägte Nachbildung St. Petersburger Paläste und Kirchen, ganz in Weiß, von innen erleuchtet. Irgendwie kurios. Dazu an Stellwänden und in Vitrinen Grafik, Kunsthandwerk, nicht sehr Belangvolles. Von einer Präsentation des Landes, seiner Geschichte, seiner Gegenwart, seiner Kunst kann hier nicht die Rede sein. Lieblos zusammengeschustert, als sei dort nie die Avantgarde zu Hause gewesen.</P><P>Abgesehen von ein paar historischen Kostbarkeiten wie dem Lektionar von St. Petersburg oder dem kleinsten Buch der Welt, das in einem Format von neun mal neun Millimetern Tschechows "Chamäleon" enthält, regiert im Forum der Kitsch. Die Besucher werden aufgefordert, am "Buch des Lebens" mitzuschreiben - per Computer, der bereit steht, oder per Hand. Das harmlose Gestammel wird als Blatt (Papier) an einer Baumattrappe aufgehängt. Da denkt man gern an die charmante Selbstdarstellung des kleinen Litauen zurück. Es war im vergangenen Jahr Gastland in Frankfurt. Gern auch an die diskussionsfreudigeren und temperamentvolleren Autoren-Lesungen beziehungsweise Autoren-Gespräche. Da allerdings gab es längst nicht so viele deutschsprachige Verlage, die sich derart ins Zeug gelegt haben, wie sie es jetzt mit Russland tun, das sich, so scheint's, in Frankfurt auf seinen deutschen Lorbeeren ausruhen darf.</P><P>Können sie nicht reden, wollen sie nicht reden, trauen sie sich nicht zu reden? Das muss sich nach dem ersten Tag auf der Frankfurter Buchmesse der fragen, der einigen Lesungen, Interviews und Diskussionen beiwohnte. Als sei den Russen der alte<BR>Ideologischer Maulkorb</P><P>ideologische Maulkorb wieder umgehängt worden. Aber schauen wir uns weiter um nach russischer Repräsentanz auf der Messe. In Halle fünf residieren mehr schlecht als recht, nicht nur mit wenig Geld, sondern auch ohne Geschmack die russischen Verlage. Literatur wird bei ihnen klein geschrieben. Viel Frommes, Mystisches, Historisches, manch Schund, so der Eindruck.</P><P>Überraschender Lichtblick: der Bücher- und DVD-Stand der Moskauer Tretjakow-Galerie mit ihrer kleinen, aber feinen Repräsentanz der klassischen Moderne und des ganzen 20. Jahrhunderts. Indes die Klänge, die herüberschallen von ein paar Metern Entfernung, sind alles andere als russisch. Eine Gasse weiter residiert die Republik Tatarstan, deren Hauptstadt Kazan ist, in der es 15 Buchhandlungen gibt. Absurde Szene: Balalaika-, Hirtenflöte- und Akkordeonspieler in Tatarentracht begleiten einen Tataren-Tenor in gedrungener Reiterstatur mit glutdunklen, wild-funkelnden, leicht geschlitzten Augen, der "O sole mio" durch die Halle schmettert, als sei er Pavarotti persönlich. Danach ein kurzes "na starovje" und den Wodka, zack, hinuntergekippt.</P><P>Bis jetzt - und vermutlich wird es auch so bleiben, zumindest bis an diesem Freitagabend Vladimir Kaminer mit seiner Russendisco zur Messe aufspielt -, bis jetzt also liegt die Attraktivität bei den deutschsprachigen Verlagen und ihren Autoren. Außer dass Literaturnobelpreisträger Coetzee nicht kommt, was seinem S. Fischer Verlag wie eine Hochzeit ohne Bräutigam erscheinen muss, sind sie doch alle da, die in diesem Herbst mit neuen Titeln aufwarten. Oder mit eigens inszenierten Skandälchen. Man sieht's mit einigem Vergnügen, wie Dieter Bohlen die Puppen tanzen lässt und den Markt an der Nase herumführt. Und Random House, wo Bohlens "Hinter den Kulissen" erschienen ist und ja weiter erscheinen wird, nutzt das Glück der Stunde, das ihm die einstweiligen Verfügungen beschert haben. In einer meterlangen Glasvitrine haben sie jede Menge Buchexemplare deponiert, darüber in großen Lettern auf einer geklebten Banderole: Verboten! Dennoch: Zwei Neuauflagen werden schon wieder gedruckt - eine, bei der die beanstandeten Passagen komplett entfallen, und eine originale, falls das Landgericht Hamburg zu Gunsten von Verlagsgruppe Random House entscheiden sollte. </P><P>Für Zirkus also ist gesorgt bei dieser 55. Frankfurter Buchmesse. Dazu passt auch das Wetteifern darum, wer im Besitz des größten, schwersten und teuersten Buches ist. Ist es der Taschen-Verlag mit seiner Muhammad-Ali-Bild-Biografie? Oder ist es die Artmedia-Edizione aus Padua mit ihrem Kunstbuch der Superlative, dem "Modern Art - Revolution and Painting"? Die italienischen Macher demonstrieren: "Es ist so groß, dass es in keinen Bücherschrank passt. Es ist so schwer, dass man zu zweit sein sollte, um es zu transportieren. Es ist so teuer, dass man sich davon auch einen schönen Gebrauchtwagen kaufen könnte." Wenn man denn dafür 6000 Dollar hinblättern will . . .</P>

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