Solidarität mit Regelbrecher Stolzing

- Egal ob Lehrbub oder Meister, sie schlägern gern, diese Nürnberger. Und warten gar nicht erst, bis das Orchester mit der Prügelfuge den Startschuss gibt. Nein, vielen Meistern rutscht schon die Hand aus, wenn sie sehen, wie ihre aufmüpfigen Lehrlinge sich mit Regelbrecher Stolzing solidarisieren.

Die Emotionen kochen hoch in der am Sonntag im Tiroler Landestheater in Innsbruck gefeierten Neuinszenierung von Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg".

Dafür sorgt Regisseur Andreas Baumann, den Dietfried Bernet am Pult des Tiroler Symphonieorchesters unterstützt. Er steuert sicher durch Wagners kontrapunktische Verstrickungen, setzt dabei aber eher auf Kompaktklang als auf Tiefenschärfe. Trotzdem gewährt er Raum für lyrische Zartheit und spinnt mit am Zauber des Quintetts (3. Akt), das Baumann aus der Welt rückt.

Optisch ist Stilisierung angesagt. Sie funktioniert, ohne jedoch ästhetisch zu überzeugen: Bettina Munzer kreuzt im zweiten Akt Spitzgiebel mit sozialem Wohnungsbau und Ikea oder türmt die Festwiese auf "provisorische" Sperrholzpodeste. Auch bei den Kostümen schlingert sie absichtsvoll durch einen stilisierten Zeiten-Mix.

Der aufbrausende Flegel Stolzing

Doch das alles stört niemanden. Denn was hier auf der Innsbrucker Bühne abgeht, ist wirklich musikalische Komödie. Regisseur Andreas Baumann, Schüler Götz Friedrichs, protzt nicht mit Ausstattung, sondern mit Feinzeichnung. Die beschränkt er nicht auf die Hauptpersonen, sondern gewährt sie, leicht karikierend, auch sämtlichen Meistern: Welch eitler Verein! Im ersten Akt, im Gemeindesaal, feiert er sich und seine Regeln; bei der nächtlichen Prügelei dreschen dann die Meister ungehemmt mit und verfolgen - verschrammt und bandagiert - auf der Festwiese mit köstlichem Mienenspiel Beckmessers Entgleisungen. Bis in kleinste Gesten hinein prägt der Regisseur die Figuren. Er schärft das Profil der Protagonisten wie die Plausibilität des Geschehens und setzt Akzente.

Dabei kann er auf ein darstellerisch wie musikalisch ambitioniertes, hoch respektables Ensemble bauen. Allen voran wuchert Burkhard Fritz mit seinem höhensicheren, kraftvollen, völlig natürlich fließenden Pracht-Tenor und lässt dem aufbrausenden Flegel Stolzing freien Lauf. Als langlockiger Draufgänger greift er sich die Eva quasi aus der Kirchenbank, lümmelt selbstbewusst zwischen den Meistern herum und zerknüllt zuletzt wütend die Sieger-Urkunde. Doch in Sachs, dem renommierten Poeten, der - so wie es in seiner Dichter-Stube aussieht - wohl eher nebenberuflich Schuster ist, findet auch er seinen Meister: einen ungewohnt jugendlichen, der bei der Werbung um Eva als ernst zu nehmender Rivale fungiert.

Sympathischer Vermittler zwischen Alt und Neu

Albert Pesendorfers Sachs ist (noch) keine schwergewichtige, abgeklärte Instanz. Eher ein etwas steifer, mit angenehm weichem, am Schluss allerdings zu kraftlosem Bariton ausgestatteter Sympathieträger und Vermittler zwischen Alt und Neu. Er trinkt gern ein Glas Rotwein, braust auf und schnuppert zur dichterischen Inspiration am Brusttuch, das er Eva stibitzte.

Als Dritter im Bunde kämpft der kurzsichtige Sixtus Beckmesser (Joachim Seipp) vergebens um Evas Gunst - mit markigem Bariton und von Stolzing verstimmter Mandoline. Eva, die Tochter des väterlich-jovialen, wohltönenden Pogner (Michael Dries), ist keine willenlose Siegerprämie. Christiane Libor, die in der Zerreißprobe zwischen Stolzing und Sachs mit raumgreifendem Sopran bis ins Dramatische vorprescht, trifft selbst ihre Wahl.

Kein Happy End gönnt Baumann dem ungleichen, niederen Paar: Als die nicht mehr ganz taufrische Magdalena (Shauna Elkin) mitbekommt, dass ihr forscher David (Marwan Shamiyeh) sie hinterm Kasperltheater auf der Festwiese betrügt, ist der Ofen aus. Würste wird er so bald keine mehr bekommen. Dafür gab es Applaus satt für alle, auch den imponierenden Chor.

Nächste Vorstellungen: 2., 9., 16., 23., 29. Oktober, 5. November; Beginn jeweils 17 Uhr; Karten unter Telefon: 0043/ 512/ 52 07 44.

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