Und wie sollen wir Geld verdienen?

- Endlich ist er da - der Moment, in dem zu spüren ist: Sie haben den sinnlichen Umgang mit Sprache gelernt; sie verstehen es, aus dem Rhythmus des Verses die innere Haltung ihrer Figur zu erfahren. In unserem speziellen Fall: das Gehetzte, Getriebene, Aufgewühlte. Wie teilt man auf der Bühne das Unglaubliche, Unvorstellbare, Fürchterliche, ja, das Unspielbare mit? Heinrich von Kleist hat es in seiner "Penthesilea" der Meroe in den Mund gelegt: den Bericht davon, wie die Amazonenkönigin ihrem Geliebten Achill einen Pfeil durch die Kehle jagt, ihn von der Hundemeute zerfleischen lässt und sie selbst ihn mit ihren Küssen und Bissen zerreißt. Eine ungeheure Reportage.

<P>Theaterchefs, Casting-Leute, Agenten, die gekommen sind, um die Absolventen der Schauspielschulen zu begutachten und eventuell an Ort und Stelle "einzukaufen", haben an diesem Montag schon viel Zeit beim so genannten Intendanten-Vorsprechen zugebracht - zunächst drei Stunden Falckenbergschule, danach zwei Stunden Theaterakademie -, als Anke Stedingk die leere Bühne des Akademietheaters betritt. Und mit jenem Kleist-Monolog alle in den Bann schlägt. <BR><BR>Atemberaubend, weil die junge Darstellerin allein aus der Sprache heraus Wahrheit und Spannung herstellt. Und aufregend, weil zu sehen ist, dass hier ein hochbefähigter Lehrer - es ist der Schauspieler Rüdiger Hacker - durch seine Art der Einstudierung die Absolventin zum Leuchten bringt. </P><P><BR>Es ist jedes Mal ein besonders interessanter Vergleich der Ausbildungsstätten. Wer schickt die besten Absolventen ins Rennen? Und: Worin eigentlich unterscheiden sich die städtische Falckenbergschule und die staatliche Everding-Akademie? Nicht in der Fülle der Begabungen. Und auch nicht mehr so sehr in der Art, sie zu präsentieren. Es wird keine Show geboten, sondern hier folgt hauptsächlich Monolog auf Monolog, was der eigens angereiste Leipziger Intendant Wolfgang Engel wohl auch zu recht bemängelt. Bei beiden Instituten: Kaum Dialoge, kaum ein Miteinander-Spielen. Das Besondere an der Falckenbergschule besteht darin, dass sie ihre Absolventen in den Ring schickt wie unbeschriebene Blätter. Ob Goethes Gretchen, Schillers Franz Moor oder Tschechows Möwe - sie entwickeln die Figuren aus sich heraus und bieten gleichzeitig eine Projektionsfläche für die uneingeschränkte Fantasie der Zuschauer.<BR><BR>Entsprechend sind auch die Vorsprechtexte ausgewählt. "Ihr wollt nicht, dass ich Euch was vordeknamiere", fragt als erstes Nicola Fritzen in die erlauchte Runde der Intendanten. Er findet sich schön wie "Maximinian Schenn", schwärmt von "König Near" und den "Kammerspiene-Schnachten". In der Rolle des Schauspielers mit Sprachfehler aus "Pension Schöller" hat er sofort die Lacher der gewieftesten Profis auf seiner Seite. </P><P>Und er hat zugleich die ärgsten Schwierigkeiten des Metiers, die Kunst des Sprechens, witzig, spielerisch, selbstironisch thematisiert. Die Probleme des Schauspielerberufs, auch das Leiden daran, das vermutlich nie aufhört, so lange man spielt - versteckt klingen sie in den folgenden Texten an. "Wann hätte ich je etwas getan, dessen ich mich später nicht hätte schämen müssen", ruft Tschechows betrunkener Platonow (Peter Neutzling) aus. Marie "Nein, Sie wissen nicht, was ich alles kann!" Semjon in "Der Selbstmörder" Leuenberger selbstzweifelt als Lady Milford: "Ich weiß nicht, wie ich mich heute finde; ich bin noch nie so gewesen." </P><P>Carlo Ljubek schleudert als Selbstmörder Semjon den anwesenden Bühnenchefs entgegen: "Nein, Sie wissen nicht, was ich alles kann!" Und Henning Hartmann und Georgios Tsivanoglou formulieren als Stan und Ollie die existenziellste Frage aller angehenden Schauspieler: "Und wie sollen wir jetzt Geld verdienen?" <BR><BR>Auf dem Weg von der bescheiden ausgestatteten Falckenbergschule zur luxuriösen Theaterakademie, von der wenig attraktiven Dachauer- zur noblen Prinzregentenstraße geht einem all das soeben Gesehene durch den Kopf, bangt man mit diesen Studenten um ihre Zukunft und versucht, sich die Frage zu beantworten: Wer von ihnen hat wohl das Zeug zu einem oder einer ganz Großen? Und voller Neugier begibt man sich nun in die Blackbox der Theaterakademie. <BR><BR>Kein Zweifel, hier werden alle Register gezogen, hier wird Theater gespielt. Hier wird - jedenfalls in den meisten Fällen - die Rolle quasi über die Darsteller gestülpt. Hier wird auch geschickt kaschiert, so dass nach Routine aussieht, was noch gar nicht Routine sein kann. Viel Pathos, viel Komik und manchmal nur stadttheaterlicher Dampf. Dazwischen aber immer wieder wunderschöne, unaufwändige Szenen von großer Wahrhaftigeit. </P><P>Etwa die zwischen der mit wirklich komischer Begabung gesegneten Maresa Lühle und dem nervigen Philipp Wirz als unfreiwilliges Pärchen aus dem Zeitstück "Bal trap". Ganz anders dagegen der Monolog der Eboli, der in seinem Sprachgerüst kaum standhält der vitalen Wucht der Temperamentsfurie Anastasia Papadopoulou und ihrem zugleich verkitschten Klischee von der Rolle.<BR><BR>München, das zeigt sich in diesem Herbst, ist ein heißes Pflaster für angehende Schauspieler. Auf dem bayerischen Talentemarkt mischen heuer als Konkurrenten erstmals mit: Salzburgs Mozarteum sowie Wiens renommiertes Max-Reinhardt-Seminar. <BR><BR>Infos: Tel. 089/ 233 370 80 (Falckenbergschule) und 089/ 2185 2802 (Bayerische Theaterakademie). <BR><BR></P>

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