Du sollst nicht töten

- Was war das für eine Aufregung vor fünf Wochen: Sechs nackte Frauen an Nähmaschinen, ein auf ein Auto einschlagender Günther Kaufmann, viele böse Worte, und das im altehrwürdigen Bremer Dom. Bei der Uraufführung in einer anderen Gemeinde, der Bremer Friedenskirche, war das nur Erinnerung - die neueste Produktion des Regisseurs Johann Kresnik, "Die Zehn Gebote", bekam begeisterten Applaus.

<P>Ein friedvolles Krippenspiel sind die "Gebote" natürlich nicht. Die Szenenfolge, auf mehreren variablen Bühnen in eindrucksvolle Bilder gesetzt, fragt mit einer Mischung aus Textcollagen, Videoprojektionen, verstörend-schriller Orchestermusik und engelsgleich vorgetragenen italienischen Arien nach der Bedeutung der alttestamentarischen Gebote für das menschliche Zusammenleben in der heutigen Zeit.</P><P>Der Ausgangspunkt: Ein Farbiger flüchtet nach einem Autounfall in eine Kirche und trifft auf eine ihm fremde Gesellschaft. Hilfe wird sie ihm nicht gewähren, wie schnell deutlich wird. "Den Fremden muss man entsorgen", sagt eine Figur. Ausgrenzung alles Unbekannten, Menschenverachtung, Grausamkeit, Selbstverliebtheit, Gier, Rücksichtslosigkeit, Sinnentleerung sind Themen des Stücks. "Du sollst nicht töten" - die Bühne betreten Kinder, die Patronengürtel über den Schultern tragen und im Stechschritt gehen. Die Näherinnen wiederum illustrieren das Gebot "Du sollst nicht stehlen". Der Text beschäftigt sich mit der Ausbeutung in Billiglohnländern.</P><P>Rund eineinhalb Stunden mussten die mehr als 200 Zuschauer im Stehen durchhalten, dann quittierten sie die Uraufführung mit anhaltendem Beifall und vielen Bravo-Rufen. Weil das Stück von "Schmerz über den Verlust der Menschenwürde und Sehnsucht danach, dass es anders werden möge", handele, gehöre es in die Kirche, kommentierte der Pastor der Friedenskirche, Bernd Klingbeil-Jahr.</P>

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