Der Sonnyboy Cavaradossi

- Es gibt CD-Aufnahmen mit Roberto Alagna, auf denen erkennt man seine Stimme nicht wieder. Entspannt und schmiegsam klingt sie da, ebenmäßig und mit sehr dezenten Nuancierungen - genauso also, wie im dritten "Tosca"-Akt an der Bayerischen Staatsoper. Das "E lucevan le stelle" behandelte der München-Debütant ganz behutsam, nicht als Nummer eines Schlagerabends, sondern wie eine versonnene Erinnerung an Vergangenes - also der Situation kurz vor dem tödlichen Schuss durchaus angemessen.

Alagna ist ein Stilist. Einer, der eigentlich ins französische Fach gehört. Romeo ist eine maßangefertigte Partie für ihn, auch Hoffmann oder Don José´, Rollen also, in denen seine lyrischen Qualitäten, sein Instinkt für Phrasierung und Farbe am besten aufgehoben sind. Und deshalb provoziert auch sein aktueller Cavaradossi im Nationaltheater Fragezeichen. Denn überschreitet Alagnas ohnehin schon heller Tenor eine bestimmte Dezibel- und Kraftgrenze, wirkt die Stimme unangenehm offen, überreizt, auch ungeschützt - und lässt, sollte er noch ein paar Jahre Puccini und Verdi treu bleiben, Blessuren befürchten. Gleichwohl: Als Sonnyboy und Sympathieträger verpasst er Münchens antiker "Tosca" einen Vitalitätsstoß.<BR><BR>Daniela Dessi, darstellerisch mit gestreckter Faust und ausgebreiteten Armen am Rande der Satire, bekam anfängliches vokales Flackern in den Griff, sang eine imponierende, klug gestaltete Titelheldin; Sergej Leiferkus gab als Scarpia den effektvollen Dauer-Zyniker. Eine kleine Überraschung: Mikhail Petrenko (Angelotti), der sich für größere Partien empfahl.<BR><BR>Für Zubin Mehta ist "Tosca" offenbar ein Leib- und Magenstück. Der GMD zeigte sich in Thriller-Laune, kitzelte aus dem Staatsorchester Details heraus und trieb zu Spannungsmomenten an, als gelte es einer Premiere. Starker Jubel von Münchens vereinigten Stimmschlürfern - so lässt man sich doch gut abgehangenes Repertoire gefallen.

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