Sonnyboy trifft kühle Zicke

- "Vielleicht sollt' ich heiraten, aber ohne Mann." Das wäre die Lösung fürs launige Blaublut, ist aber technisch irgendwie unmöglich - und hätte dann die Operettenhistorie eines ihrer Walzer- und Csárdás-seligsten Exemplare gekostet. Jede Nummer ein Gehörgangschmeichler, das ist "Gräfin Mariza" von Emmerich Kálmán (1882-1953), die nun, als späte Reminiszenz an den 50. Todestag des Meisters, Premiere am Gärtnerplatz erlebte.

<P>Die Fans sind ausgehungert, das bewies die heftig bejubelte Aufführung. Vielleicht auch, weil das Haus in Sachen Operette zu oft auf Produktionen setzte, die - von Dramaturgenkrämpfen geschüttelt - das geliebte Genre als charmelose Sozialanalyse missverstanden. Regisseur Josef E. Köpplinger ist von anderem (altmodischem?) Schlag. Er versucht sich nicht, drei Stunden lang zu rechtfertigen, wie und warum man 2004 Operette inszenieren darf, sondern spielt sie einfach. G'rad heraus und intelligent, bis ins Detail handwerklich exzellent - und stets mit einem Augenzwinkern.<BR><BR>Seine "Mariza", übrigens die überarbeitete Fassung einer Schweriner Inszenierung, ist im Uraufführungsjahr 1924 angesiedelt, in einer Zeit, als Wirtschaftskrisen die "Goldenen Zwanziger" trübten und der entmachtete Adel alter k.u.k.-Herrlichkeit nachtrauerte. Mariza fasst im verruchten Lokal "Tabarin" den Verlobungsplan, übersiedelt später aufs Landgut, von Bühnenbildner Rainer Sinell als schöner, lichter, Tschechow-naher Salon gestaltet, hinter dem das Sonnenblumenfeld grüßt, der auch mehrere, zeitgleich ablaufende Handlungen ermöglicht.<BR><BR>Köpplingers "Zigeuner" sind mehr als nur Kolorit, sie deuten soziales Gefälle an: Normalerweise nach draußen gesperrt, entern die Burschen beim aggressiven "Komm, Zigàny" das Reich der Gräfin und drohen mit dem Aufstand der Unterschicht. Dass sich nach feuchtfröhlicher Nacht Adel und Angestellte duzen, mag nach Utopie schmecken - doch dafür bot ja Operette schon immer die beste Heimat. Die gröbsten Libretto-Untiefen umschifft Köpplinger durch eine kluge Um-, gar Neudichtung: Zsupán zum Beispiel ist kein, wie oft zu erleben, radebrechender Ungar, sondern der Provinz-Schauspieler Franz Schindler, Extra-Verwechslungen und Anspielungen auf den Theaterbetrieb sind die Folge. Vor Übersülzung und Verplüschung schützt sich die Aufführung durch fesche 20er-Jahre-Garderobe, auch durch Gags ("Ameisenalarm!"), die manch Schmachtfetzen mit Humor konfrontieren.<BR><BR>Weichmacher Tassilo</P><P>Dieses hervorragende Ensemble mag zwar Klischees bedienen, präsentiert sich jedoch ausnahmslos glaubwürdig. Etwa die Mariza von Marta Kosztolányi: Ihr locker ansprechender, ausbalancierter Sopran fühlt sich in lyrischen Lagen und auf dramatischen Gipfeln gleichermaßen wohl. Darstellerisch gibt sie die kühle Zicke, die Männer drangsaliert wie die Katze das Mäuschen: Ist das "Ja" für ihren Weichmacher Tassilo wirklich das letzte Wort? Ob als hemdsärmeliger Verwalter oder im Anzug: Ein Sonnyboy wie Volker Bengl muss Kálmán vorgeschwebt haben, als er seinen Grafen erdachte. Bengl verlässt sich auf sein Heldentimbre, irritiert aber durch diverse gequetschte Spitzen.<BR><BR>Zsupán/Schindler ist beim temperamentvollen Daniel Prohaska und seinem hellen, agilen Tenor bestens aufgehoben. Ein famoses Trio: Dieter Kettenbach (ein gütiger Tschekko), Michael Häfner als öliger Karl Stephan und der schrullige Franz Wyzner (Penizek), der stets das passende Klassikerzitat parat hat. Cornelia Horak wertet Lisa mit großer Ausstrahlungskraft auf, Gunter Sonneson wahrt als dünkelhafter Fürst Moritz drei Akte lang Haltung, Thérèse Wincent (Manja) weckt Carmen-Erinnerungen. Und Gisela Ehrensperger als Tassilos Tante dominiert den dritten Akt, sichert sich mit "Da war ich zu Haus" - hier unverhohlen ins Autobiografische gewendet - eine Ovation.<BR><BR>Dirigent Andreas Kowalewitz fand mit dem Orchester nach klebriger Ouvertüre zu einem moussierenden, sämigen Tonfall. Kálmáns Hits wurden liebevoll behandelt, nie zum Reißer aufgedonnert. Trotzdem: Im Falle der Solisten vertraute man auf eine Verstärkeranlage. Das mag angesichts der heiklen Akustik und musikunterlegter Sprechszenen einleuchten, ergab indes ein merkwürdiges Klangbild. Dies ließe sich in Folgeaufführungen verbessern, ebenso manch langatmige Dialogstrecke und die mangelhafte Textverständlichkeit. Gelegenheit dafür gibt's garantiert: Diese "Gräfin Mariza", das hätte auch Zigeunerin Manja prophezeit, wird ein Dauerbrenner.<BR></P>

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