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Diese Barbarina bringt die Männer in Bedrängnis: Anna El-Khashem in Mozarts „Le nozze di Figaro“.

KRITIKERUMFRAGE DER ZEITSCHRIFT „OPERNWELT“

Anna El-Khashem ist Nachwuchssängerin des Jahres 

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Hauptrollen sind nur noch eine Frage der Zeit: Sopranistin Anna El-Khashem aus dem Münchner Opernstudio wurde zur Nachwuchssängerin des Jahres gewählt. Ein Porträt.

München - Nichts für Weicheier ist diese Frau. Nichts für Möchtegern-Kerle wie Almaviva, die sich in die Ecke drücken, ins Stammeln geraten oder gleich die Fassung verlieren, wenn sie dieser Barbarina gegenüberstehen. Drogen, Alkohol, sonstige Laster, all das sollte dieser Teenie durchprobiert haben, so dachte sich das Regisseur Christof Loy. Und Anna El-Khashem, Sopranistin aus dem Münchner Opernstudio, spielt und singt das in Mozarts „Le nozze di Figaro“ so echt, so schlüssig, dass man um ihren Lebenswandel fürchtet.

Keine Gefahr: Wer der 22-Jährigen gegenübersitzt, ist erleichtert. Von der Staatsopern-Barbarina unterscheidet sich Anna El-Khashem in der Realität doch gewaltig – obgleich sie in den kurzen Szenen ihre dunklen Seiten auszuleben scheint. Auch dafür ist diese vielversprechende russische Solistin nun in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zur Nachwuchssängerin des Jahres gekürt worden. 

Russin mit libanesischen Wurzeln

Russin, und das bei diesem Namen? Anna El-Khashem hat auch libanesische Wurzeln. Ihr Vater kommt aus diesem Land und lernte während seines Auslandsstudiums in St. Petersburg seine Frau kennen. Beide sind Mediziner – eine künstlerische Laufbahn der Tochter ist da nicht unbedingt zwingend. Gut: Besuche im Mariinsky-Theater oder in der St. Petersburger Philharmonie, das gehörte zum Familienleben. Aber sonst? „Ich habe schon als Vierjährige erklärt, dass ich Musik studieren will“, sagt Anna El-Khashem. Übrigens in perfektem Deutsch. Das hat sie in der Schule als zweite Fremdsprache gelernt, den Feinschliff holte sie sich ab Herbst 2016 im Opernstudio. Ein gewaltiger Schritt war das: direkt aus der Ausbildung und nach einem ersten Bühneneinsatz in Mozarts „Bastien und Bastienne“ bei den Bregenzer Festspielen gleich in die Nachwuchsschmiede der Bayerischen Staatsoper – welche Häuser sollen denn da überhaupt noch kommen?

„Ich sehe das anders herum“, meint Anna El-Khashem. „Ich bin schon jetzt an der Staatsoper, das ist eine riesige Investition in meine Karriere. Ich lerne, was ich kann – danach werden wir schon noch sehen, was kommt.“ In nächster Zeit in München zum Beispiel die Esmeralda in der Neuinszenierung von Smetanas „Verkaufter Braut“, das Taumännchen in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und eine Rolle in der Opernstudio-Produktion von Tschaikowskys „Iolanta“. Ein Traum für Anna El-Khashem wäre die Susanna, die Beförderung von der Barbarina eine Etage höher dürfte nicht lange auf sich warten lassen. 

Sehr schnell ging das mit dem Münchner Engagement. Ein Angebot zum Vorsingen, eine Reise an die Isar, die Standard-Arien, und kaum war Anna El-Khashem zurück in St. Petersburg klingelte erneut das Telefon: Ob sie in der nächsten Saison anfangen möchte? „Ich bin wie verrückt in der Wohnung herumgesprungen, weil ich es nicht glauben konnte.“

„München bietet die perfekte Mischung“

Einen Kulturschock hat sie nach der Umsiedlung nicht erlitten. „Ich habe mich von Anfang an hier wohlgefühlt, diese Stadt bietet für mich die perfekte Mischung.“ Überhaupt sei sie vom Charakter her so, dass sie gern Orte wechsle und sich daher auf Neues einlassen wolle. „Ich sage mir immer: erst ausprobieren, du kannst ja dann immer noch Nein sagen. Ansonsten würde ich mir vorwerfen, eine Chance nicht genutzt zu haben.“ Dazu fügte sich, dass Anna El-Khashem im Opernstudio auch ihren Freund kennengelernt hat – Bariton Johannes Kammler ist mittlerweile ins Stuttgarter Ensemble gewechselt. 

Normalerweise bleibt der Nachwuchs ein bis zwei Jahre im Opernstudio, Anna El-Khashem ist dank einer Ausnahmeregel schon die dritte Spielzeit dabei. Der erste Auftritt auf der Bühne des Nationaltheaters war das kurze Blumenmädchen-Duett „Amanti costanti“ in Mozarts „Figaro“, damals noch in der alten Inszenierung von Dieter Dorn. Inzwischen wurde Anna El-Khashem auch durch eine veritable Uraufführung gestählt. Bei den vergangenen Opernfestspielen war sie das Schneeflöckchen in einer wilden Performance über Rimski-Korsakows gleichnamige Oper – die das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen zu „Zeig mir deine Wunder“ zusammenschraubte. 

„Wirklich stressig“ sei das gewesen, sagt Anna El-Khashem. Lange Proben, oft bis 22 Uhr, nicht nur singen, auch viel sprechen, dann die sehr ambitionierte, fordernde Partie. „Ich dachte mir aber gleich: Das kann dir viel geben, wenn du es schaffst, das alles körperlich und stimmlich zusammenzubekommen.“ Ergebnis war ein zauberisches, somnambules Wesen, um das der ganze Abend kreiste, sich in diesen Soli auch immer wieder beruhigte. Und vorführte: Eine Hauptrolle für Anna El-Khashem? Kein Problem.

Weitere Ergebnisse der Kritikerumfrage:

Opernhaus des Jahres: Oper Frankfurt,

Sänger des Jahres: Johannes Martin Kränzle,

Dirigent des Jahres: John Eliot Gardiner,

Aufführung des Jahres: „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen,

Regisseur des Jahres: Peter Konwitschny,

Orchester des Jahres: Bayerisches Staatsorchester,

Chor des Jahres: Chor der Staatsoper Stuttgart,

Wiederentdeckung des Jahres: „Das Wunder der Heliane“ von Korngold an der Deutschen Oper Berlin,

Uraufführung des Jahres: „Lunea“ von Heinz Holliger am Opernhaus Zürich,

Ärgernis des Jahres: das Engagement theaterferner Malerfürsten wie Georg Baselitz an der Bayerischen Staatsoper

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