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Sopranistin Nicola Beller Carbone über die Lage der Freischaffenden: „Wir müssen laut bleiben“

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Von: Markus Thiel

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Nicola Beller Carbone
„Diese fatalistische Haltung teilen wir nicht“: Nicola Beller Carbone von der Initiative krea(K)tiv widerspricht ihrem Kollegen Christian Gerhaher. © Luis Angel Gomez

Die vielen ausgefallenen Vorstellungen während der Pandemie haben freie Künstlerinnen und Künstler oft an den Rand ihrer Existenz gebracht. Aber halten sie deshalb besser zusammen? Bariton Christian Gerhaher verneint das: „Wenn wir uns solidarisiert haben, dann nur aus Notwendigkeit“, sagte er kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung. Sopranistin Nicola Beller Carbone von der Initiative krea[K]tiv (siehe unten) widerspricht.

Denken Sie wie Christian Gerhaher? Was nehmen Sie aus den zwei Pandemie-Jahren mit?

Persönlich empfinde ich das als eine enttäuschte, fatalistische und pessimistische Haltung, die unsere Initiative nicht teilt – gerade mit Blick auf die junge Generation. Uns ist in den zwei Jahren erst bewusst geworden, wie wichtig es sein kann, wenn sich Künstlerinnen und Künstler auch international vernetzen. Vor der Pandemie habe ich wie viele andere Verträge blauäugig unterschrieben, habe sie also gar nicht richtig gelesen. Natürlich sind wir Einzelkämpfer. Aber letztlich bilden wir ein Kollektiv, weil wir ja in einem ähnlichen professionellen Umfeld unter den gleichen Bedingungen arbeiten müssen.

Einige sind laut geworden und haben für Ausfallgagen und gegen Knebelverträge gekämpft. Jetzt läuft das Kulturleben wieder an, und man hat das Gefühl: Alle sind verstummt und gehen erneut ihre eigenen Wege.

Ein paar sehr Laute sind still geworden. Aber alle diejenigen, die in unserer Initiative tätig sind oder bei vergleichbaren in anderen Ländern mitmachen, sind nicht verstummt. Es gibt doch keine Alternative: Wenn wir uns nicht zusammentun und gegenseitig austauschen, wie etwa im europäischen Netzwerk LyriCoalition auch über Gagenhöhen, haben wir verloren und sind gegeneinander ausspielbar. Gerade über Gagen hat man früher geschwiegen. Und nun wird deutlich, welche Unterschiede es hier zum Beispiel zwischen Frauen und Männern gibt. Ich habe nicht das Gefühl, dass alles wieder wie früher wird. Wir sammeln immer mehr Wissen an und tauschen es aus. Dadurch bekommt man Macht.

Gibt es Ängste? Nach dem Motto: Wer den Mund aufmacht, hat es schwerer mit Engagements?

Natürlich gibt es Kolleginnen und Kollegen, die sehr vorsichtig sind. Die französische Vereinigung Unisson ermöglicht es den Mitgliedern, anonym zu bleiben – gerade weil oft die Jüngeren Angst haben vor der Brandmarkung durch ein Opernhaus. Solche Verbände müssen auch eine Schutzfunktion für ihre Mitglieder haben. Das Problem ist ein grundsätzliches, und es betrifft nicht mehr nur die Freien: Wenn Kulturzuschüsse gekürzt werden, droht auch die Verkleinerung der Opernensembles. Von daher dürfte auch beim Publikum langsam das Bewusstsein dafür wachsen, dass nicht mehr alle Lieblinge automatisch auf der Bühne stehen.

Eine Long-Covid-Folge werden die abschmelzenden Kultur-Budgets sein.

Deshalb ist es notwendig, dass nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch alle anderen laut werden. Unser breites Kulturangebot muss es weiter geben – und dies zu fairen Bedingungen. Gerade deshalb müssen wir den jungen Künstlerinnen und Künstlern Rückhalt geben. Bei krea[K]tiv-jeunesse organisieren wir Workshops, Versammlungen und anderes. Wir müssen uns gegenseitig stärken.

Ist die jüngere Generation nicht ohnehin politisierter?

Diesen Eindruck habe ich schon, gerade wenn man alles mit der Situation vor zehn Jahren vergleicht. Damals war man auch im Bereich Kunst noch viel angepasster und ängstlicher. Heute sind die Kolleginnen und Kollegen wortgewandter und eloquenter. Die lassen sich nicht einwickeln, das gibt mir Hoffnung.

Wird sich das Bild der Sängerin und des Sängers ändern?

krea[K]tiv-jeunesse hat zum Beispiel ein Online-Forum installiert zum Austausch von Erfahrungen, etwa bei Vorsingen oder bei Wettbewerben. Dadurch werden Missstände an Opernhäusern oder anderen Institutionen transparenter kommuniziert. Wir sehen uns also immer weniger als Konkurrenz. Natürlich bleiben wir Individuen auf der Bühne. Aber sobald es um Verträge geht, haben wir alle dieselben Vertragsbedingungen. Der Nachwuchs sieht die Vereinigung mit uns alten Hasen als Platz zu Austausch und Unterstützung.

Was ist überhaupt Ihr Ziel? Eine starke, mitgliederstarke Gewerkschaft?

Wir wollen keine Gewerkschaft sein, dafür gibt es die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. Wir sind ein Verein, der die Freischaffenden und Hybridbeschäftigten im Musiktheater vertritt. Unser Ziel ist die Lobby-Arbeit – also Mitsprache etwa im Kulturrat, bei den Verantwortlichen der Bundesländer oder der Kommunen. Gerade weil wir uns mit Gleichgesinnten in anderen Ländern austauschen, wird unser Erfahrungsschatz immer größer. Wir kämpfen etwa für Probengelder und dafür, dass unsere Studier-Zeit entlohnt werden muss. Wenn wir komplizierte Partien, oft mit Gesangscoach und Korrepetitoren, lange vor Probenbeginn einstudieren, zahlt uns keiner dafür. Aber Sängerinnen und Sänger dürfen nicht nur dafür entlohnt werden, wenn sie auf der Bühne stehen.

Wo sitzen die größten Künstler-Aktivisten? Wo rangiert hier Deutschland?

Die Schweden und Dänen sind uns da wirklich einige Schritte voraus. Dort gibt es bereits eine starke Unterstützung seitens der Politik. In Spanien wurde 2020 die erste Gewerkschaft fürs Musiktheater gegründet, die ist unglaublich aktiv, es gab dort einen Riesenzulauf. Und trotzdem hinkt die Entwicklung extrem hinterher. Dort gibt es noch gar keine Kompensationszahlungen für ausgefallene Vorstellungen, geschweige denn gesetzliche Vorschriften dafür.

Müsste sich nicht auch an den Studieninhalten etwas ändern? Wird man – neben der Gesangstechnik – überhaupt fit gemacht für die Karriere?

Es müsste hier viel mehr Professionalisierung angeboten werden neben dem Künstlerischen. Wie mache ich meine Steuererklärung? Wie melde ich mich in der Künstlersozialkasse an? Wie stelle ich mich beim Vorsingen vor? Wie drehe ich ein Video von mir? All das fehlt. Und deshalb versuchen wir, über unseren Verein nachzuhelfen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Information:
krea[K]tiv – musiktheater stands up ist eine Initiative von und für Freischaffende im Musiktheater. Sie betreibt Lobby-Arbeit, Fortbildung und schafft über mehrere Arbeitsgruppen Vernetzungen zwischen den Betroffenen. Das reicht bis zur juristischen Beratung. Gegründet wurde sie im Pandemiejahr 2020. Mittlerweile hat sie über 120 Mitglieder, darunter auch Studierende und Mitglieder von Opernstudios.

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