In der sozialistischen Vorhölle

- "Man will die Oper als eine Art Paradies bewahren", mäkelte Calixto Bieito einst im Interview. "Ich will die Leute aber berühren mit der Poesie der Gewalt, mit Sex." Seit zehn Jahren inszeniert sich der Katalane mit dieser Berührungsoffensive durch die Musentempel. Die Blut-Schweiß-Sperma-Spur, die seine Arbeiten hinterließen, machte ihn zum Gottseibeiuns vieler Abonnenten, andererseits zum gern engagierten Provokateur, der Häusern überregionale Aufmerksamkeit sichert.

Dass Bieito nun mit seinem Stuttgarter Debüt auch in Süddeutschland angekommen ist, entbehrt nicht der Ironie: Ausgerechnet David Alden, der bei Regie-Angeboten vor allem in München stets als erster "Hier!" gerufen hat, überwarf sich mit dem Haus am Neckar. Bieito sprang bei Leos Janaceks "Jenufa" ein, übernahm das Bühnenkonzept von Gideon Davey, probte gerade mal zwei Wochen ­ und bescherte Stuttgart einen der größten Triumphe der letzten Jahre.

Dabei hatte es noch im ersten Akt so ausgesehen, als habe sich da einer hoffnungslos in Selbstzitaten und Regie-Maschen verheddert. Sogar der sonst phänomenale Chor geriet ins Schlittern, zumal sich Dirigent Marc Piollet von Bieitos Hyperaktivität anstecken ließ, Emotion gern mit Lautstärke verwechselte.

Janceks extremer Realismus vertrug sich freilich nach der Pause ideal mit Bieitos archaischer, letztlich äußerlicher Ausdruckswucht. Die Geschichte um Jenufa, zerrissen zwischen dem Macho Steva und dem biederen Laca, sowie der Küsterin, die das uneheliche Kind ihrer Stieftochter meuchelt, siedelt Bieito in einer sozialistischen Vorhölle an: ein Lumpenlager, das sich später zur Textilfabrik mausert, in dem gesoffen und gehurt wird und in dem die Küsterin Jenufas Baby nicht (wie bei Janacek) der kalten Winternacht überlässt, sondern auf einem Resopaltisch erschlägt.

Bieitos Grundfehler fällt irgendwann nicht mehr ins Gewicht. Kaum vorstellbar ist es nämlich, dass die Küsterin in diesem spießigen, wiewohl hemmungslosen Umfeld die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung umtreibt. Bieito inszeniert dafür als zentralen Konflikt die bis in den Irrsinn getriebene Identifikation mit Jenufa, Beweise gibt es in Janaceks musikalischen Parallelführungen dafür genug. Die Küsterin drängt also Steva zur Heirat mit Jenufa, weil sie selbst nach dem Kerl giert, das tote Baby wird von ihr monatelang unterm Rock getragen, irgendwann windet sie sich wie in Wehen. Und in der grandiosen stummen Umbauszene zum dritten Akt, wenn Bieito die Bühne in surrealistischen Momenten mit Nähmaschinen-Tischen vollstellen lässt, hallen Sturmgeräusche und Babygeschrei durch den Raum.

Für seine sich immer mehr zuspitzende, auch zynische, fast unerträgliche Sicht auf "Jenufa" stand Bieito ein starkes Ensemble zur Verfügung: Eva-Maria Westbroek gab die Titelrolle mit gehaltvoller, flammender, manchmal überreizter Stimme ­ die intensive Probenarbeit forderte wohl ihren Tribut. Leandra Overmann (Küsterin) warf sich hemmungs- und rücksichtslos in ihre Partie, verausgabte sich bis zur Erschöpfung. Raymond Very, ein Steva mit passend slawischem Schmelz, und Frank van Aken (Laca) mit heftigem Heldentenor-Einsatz waren auf den Punkt besetzt.

Einen solchen Regisseur, so eine schwärmende Choristin danach, habe man in Stuttgart noch nie erlebt. Und einen solchen Applausorkan dürfte wiederum der Buh-gestählte Bieito noch nicht genossen haben.

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