Späte Filetstücke

- "Es sei, doch nicht für mich", so Posa im zweiten Akt zu Elisabeth, "accetto, e non per me". Und es kann schon sein, dass Martin Gantner beim Singen dieses Satzes ganz andere Gedanken durch den Kopf spuken. Etwa dass er, ein gestandenes und bewährtes Ensemblemitglied, längst zu Größtem fähig gewesen wäre ­ doch engagiert wurden für diese Rollen immer andere. Welch Pointe also, dass ihm nun, ein Jahr nachdem er das Ensemble der Bayerischen Staatsoper verlassen hat, "sein" Münchner Haus die Filetstücke anbietet.

Ende letzter Saison den "Tannhäuser"-Wolfram, bald "Parsifal"-Amfortas. Und jetzt den Posa in Verdis "Don Carlo", Wiederaufnahme ist an diesem Samstag.

Eigentlich sollte Letzterer ein Rollendebüt werden. Doch vor kurzem sah sich das New National Theatre in Tokio auf einmal ohne Posa und ließ bei Gantner anfragen. Auch irgendwie typisch: "Als deutscher Sänger trägt man fast ein Stigma", sagt der 41- Jährige. "Italienisches Fach kriegt man so gut wie nie."

Gantner, ein gebürtiger Freiburger, hat in Karlsruhe studiert und kam nach kurzer Zeit als freier Solist ins Ensemble der hiesigen Staatsoper. Er wohnt am Ammersee und trägt seit 2005 den Titel "Bayerischer Kammersänger" ­ eine fast logische Auszeichnung. Denn auf der Bühne des Nationaltheaters gehört Gantner gewissermaßen zum Inventar. Wer ihn erstmals hört, seinen schmiegsamen, kultivierten Bariton, der ist von dieser Stimme sofort gefangen. Gantners Plus: Alle seine Partien klingen so klug gestaltet, sind auch so textverständlich gesungen, als gebe da einer einen Liederabend. Forcieren oder Tricksen ­ Fehlanzeige.

Oft war er hier der Papageno vom Dienst. Aber Gantner wendet ein: "Ich habe lange ein Fach gesucht, wo ich hingehöre. Bei Mozart habe ich mich nie richtig aufgehoben gefühlt. Da sollte man in vielen Partien ein bisserl dunkler, bassiger klingen." Und manchmal passt wohl auch der Rollentyp nicht so ganz. "Ich kann mich schon in vieles hineindenken. Aber obwohl ich ihn schon gesungen habe: So ein Klischee-Giovanni, nee, das bin ich nun wirklich nicht."

Gantner, das wird im Gespräch schnell deutlich, ist bei aller Lust an Pointen und Anekdoten ein sehr (selbst-)kritischer Sänger, der die Unarten des Opernbetriebs durchschaut hat und ihnen mit einer Mischung aus Amüsement und Kritik begegnet. "Ich bin durchaus zu konträren Gedanken fähig", sagt er über sich. Zu Haltungen und Äußerungen zum Beispiel, die ihn seinerzeit ein bisschen auf Konfrontationskurs zu Götz Friedrich brachten ­ als Gantner beinahe im Ensemble der Deutschen Oper Berlin gelandet wäre.

Sein erstes Festengagement wurde dann allerdings München. Eine Stadt, der er noch immer die Treue hält. "Ich bin eigentlich ein häuslicher Mensch. Es ist wichtig für mich, ein Umfeld zu haben, das ich kenne. An diesem Haus hier hängt einfach mein Herz." Gantner gibt zu, dass er auf viele Partien "ungeduldig gewartet" habe. Allerdings weiß er auch: "Bestimmte Rollen sollte man nicht schon mit 35 singen."

Dass Gantner ein spielfreudiger Solist ist, hat er nicht nur als Papageno oder in anderen Buffo-Partien bewiesen. Für Regisseure dürfte er damit ein dankbarer Fall sein. "Die haben‘s nicht schwer mit mir. Ich habe zwar meine Vorstellungen, will aber nicht auf Teufel komm‘ raus den Gantner-Posa durchdrücken." Was nicht heißt, dass der Sänger innerlich alles akzeptieren würde: "Es gibt die Tendenz, dass Sänger von der Regie allein gelassen werden. Und von der angeblichen Musikalität mancher Regisseure reden wir mal lieber nicht."

Einen seiner größten Erfolge feierte Martin Gantner vor einem Jahr. Als er in Tokio den Beckmesser in Wagners "Meistersingern" sang und ein weiteres Mal die Frage provozierte, warum Eva ausgerechnet Stolzing nimmt ­ und nicht diesen Nebenbuhler. Dass Bayreuth danach nicht gleich zugegriffen hat, kommentiert Gantner nur mit Schulterzucken und einem Lächeln. Immerhin: Über Aufgaben wie Wozzeck in Tokio oder die Titelrolle in Busonis "Faust" (München, 2008) wird verhandelt.

"Es ist heutzutage wahnsinnig schwer, eine Karriere zu planen", resümiert Gantner. "Entscheidend ist die Stimme, klar. Aber genauso auch die richtige Agentur. Und vor allem, dass man im richtigen Moment am richtigen Platz ist." An dem harrt Martin Gantner ja schon länger aus ­ die Früchte darf er nun, endlich, ernten.

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