Später Existenzialist

- John Osbornes "Blick zurück im Zorn" schlug bei seiner Londoner Uraufführung 1956 im Land des "well made play" wie eine Bombe ein. Der 27-jährige Brite wurde mit diesem Stück, mit seiner die bis dahin gültigen Regeln missachtenden Slang- und Alltagssprache zum Wegbereiter eines neuen, sozial engagierten englischen Dramas. Und mit dem Helden Jimmy Porter, einem gegen das starre Klassensystem wütenden Arbeiterkind, identifizierte sich unmittelbar die Nachkriegsgeneration des verschlafenen Inselreiches. Jetzt lang anhaltender Beifall im Münchner Theater 44, wo Hausherr Horst A. Reichel das Stück auf seine heutige Gültigkeit befragte.

Ohne jeden modernen Regieschnörkel. Reichel führte seine vier Schauspieler eng am Text entlang. Und da ergibt sich, möglicherweise durch eine veränderte soziopolitische Situation (aus der heraus wir automatisch jedes Stück beurteilen), eine Bedeutungsverschiebung. Bei Osborne ist der Fokus Jimmy, kein Revoluzzer der 68er-Art, sondern ein später Existenzialist, der in privatem Amoklauf seinen Selbst- und Weltekel an einer gefühllos gewordenen bürgerlich-konservativen Gesellschaft festmacht: "Alle fliehen - vor der Qual, lebendig zu sein." In Reichels Inszenierung, vielleicht ja auch so beabsichtigt, ist die dramatische Aufmerksamkeit bei Ehefrau Alison, Tochter aus gehobenem Mittelstand, auf die sich Jimmys Aggression richtet.

Gerrit Selmeier, in psychopathischen Schüben zwischen Gefühlssoftie und Ekelpaket, kotzt seine Beleidigungen auf Alison aus, von Isabella Leicht gespielt mit schöner Schmerz-Verhaltenheit. Sebastian Kalhammer als Hausfreund Cliff ist kein Prolo wie im Text, bleibt aber der stets geduldige Schlichter in dieser am Sadomaso-Abgrund schlingernden Ehe. Überzeugend auch Suzanne Fabian als Alisons Freundin Helena, die wohlmeinend für Alisons Rückkehr ins Elternhaus sorgt, um dann selbst Jimmys Geliebte und Opfer zu werden, bis Alison doch wieder zurückkehrt. Zwei Frauen, die klaren Verstandes dennoch die quälende Liebe des wilden Mannes suchen - der Abend könnte auch nach einem Roman von Henri de Montherlant getitelt werden: "Erbarmen mit den Frauen".

Tel. 089/ 32 28 748.

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