Später herrscht Schizophrenie

München - Er spielt auch in der Garderobe: Dramatisch rollt Paolo Gavanelli (48) mit seinem Stuhl auf den Gesprächspartner zu, reißt die Augen hypnotisierend auf, zieht die Stirn in tiefe Falten oder stimmt im Falsett die Briefszene der Lady Macbeth an ­ mit schauerlichem, amerikanischem Akzent.

So jedenfalls, lacht der italienische Bariton, soll sein "Holländer" nicht klingen. "Wenn überhaupt, werde ich auf jeden Fall nicht in Deutschland damit debütieren." Natürlich reizt Wagner, aber der Sänger aus Padua weiß: "Dafür müsste ich Deutsch perfekt können, sprechen und singen. Und das ist zweierlei."

Zur Nationaltheater-Premiere: Bariton Paolo Gavanelli über "Nabucco" und seine eigenen Regie-Pläne

Für seine jüngste Premiere an der Münchner Staatsoper reicht, wie er schmunzelt, sein florentinisches Italienisch ­ vergleichbar dem Hannoverschen Deutsch ­ indes völlig: Verdis "Nabucco" hat am kommenden Montag, 19 Uhr, mit Paolo Gavanelli in der Titelrolle Premiere im Nationaltheater. Es dirigiert Paolo Carignani. Die Abigaille singt Maria Gileghina, den Zaccaria Giacomo Prestia.

"Die Inszenierung ist elegant und sehr ästhetisch", schwärmt Gavanelli, der den griechischen Regisseur Yannis Kokkos einen "Gentleman" nennt und ihn mit den Bildungsbürgern des 19. Jahrhunderts vergleicht.

Nabucco, der babylonische König, hat bei Verdi und seinem Librettisten Solera keine psychologischen Tiefenschichten abbekommen. Dennoch schält Gavanelli die Vorzüge der Figur heraus: "Der erste Auftritt ist ein Schock. Nabucco betritt die Bühne wie Napoleon Moskau ­ hundert Prozent Gewalt." Später dann, so beschreibt der Sänger den Wandel zum Duett mit Abigaille im dritten Akt, "herrscht Schizophrenie". "Das funktioniert wie Licht an, Licht aus." Und er verrät weiter, dass Nabucco im vierten Akt bei seiner großen Arie "Dio di Giuda" nicht auf den Knien liegt. "Er irrt über die Bühne, er sucht die Wahrheit, er sucht Gott. Dieses Königs Hand ist anfangs immer voll Blut, sein Schwert immer gezückt: Am Schluss steckt es in der Scheide."

"Ich bin begeistert", gesteht der bärtige Sänger mit den schwarz funkelnden Augen, der schon mehr als 150 Mal in 20 unterschiedlichen Inszenierungen der Verdi-Oper auf den Bühnen der Welt stand. Seit Jahren ist neben Londons Covent Garden die Münchner Bühne, auf der er fast alle großen Partien seines Fachs gesungen hat, ein Heimathafen für ihn. Und er ist stolz darauf, Bayerischer Kammersänger zu sein. Wie er glaubt, als einziger Italiener. "Diese Bühne ist besonders", bekennt er, "ich habe hier oft mehr als 100 Prozent gegeben. Denn hier in München zu singen ist so, als sänge ich vor Vater, Mutter, Tante und Onkel, vor der ganzen Familie. Und das ist extra schwer. Das Publikum wartet, und ich will es nicht enttäuschen."

Der mit seiner Frau und zwei Kindern zwischen Padua und Vicenza, umgeben von Palladio-Villen lebende Sänger grämt sich nicht wegen seines Bariton-Schicksals ­ der Tenor ist meist der erfolgreiche Liebhaber. "Verdi selbst sang Bariton", berichtet er, und die Partien sind meist Väter: bei Nabucco, Traviata, Aida, Simone Boccanegra, Foscari."

Gerade letzteren liebt er sehr. "Francesco Fosacri ist eine wirklich tragische Figur, er verliert seinen Sohn. Und man muss bedenken, dass auch Verdi zwei Kinder verloren hat." Lampenfieber ­ das kennt Paolo Gavanelli, der promovierte Jurist, der sich mit Mitte zwanzig ganz eindeutig für den Gesang entschied, nicht. "Ich muss oft vor der Vorstellung eine Cola trinken". Trotzdem verrät er, dass ein Bühnenauftritt 90 Prozent Nerven und 10 Prozent Stimme bedeutet. "Es ist wie bei einem chirurgischen Eingriff, wenn man aufgeschnitten hat, darf keine Schwäche kommen. In einer Arie ist es genauso."

Paolo Gavanelli wird vom Münchner Publikum als Sänger wie als Darsteller sehr geliebt. Trotz seiner schauspielerischen Überzeugungskraft ist der Sänger kein vorbehaltloser Verfechter des Regietheaters. "Früher gab es auf der Bühne viel Gesang und wenig Regie, heute ist es umgekehrt. Ich bin eigentlich ein Minimalist und ziehe die Konzentration dem Aktionismus vor." Deshalb freut er sich auch, dass im neuen "Nabucco" Zurückhaltung angesagt ist, der "Effekt vom Nicht-Effekt her kommt".

Demnächst wird der Sänger Gavanelli selbst als Regisseur aktiv werden: "Ich mache ein ‚Falstaff-Projekt mit ganz jungen Sängern in Spanien. Ich habe die Partie des Sir John überall auf der Welt sicher in 50 Inszenierungen gesungen. Mein Traum ist es, das komplizierte Libretto von Boito sehr ernst zu nehmen und rigoros zu befolgen. Das wird meine erste Regiearbeit", sagt der 48-Jährige, der sicher ist, dass ein Bariton sowieso erst mit über 50 auf dem Zenit ankommt.

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