"Später Spagat": Robert Gernhardts letzter Gedichtband

- Frankfurt/Main - Am 30. Juni 2006 starb der große Frankfurter Dichter, Zeichner, Maler und Satiriker Robert Gernhardt im Alter von 68 Jahren. Nicht nur die literarische Welt war erschüttert. Einen wie ihn wird es nicht mehr geben. Wie immens dieser Verlust ist, kann man nicht zuletzt bei der Lektüre von Gernhardts Gedichtband "Später Spagat" ermessen, der jetzt posthum erschienen ist.

In "Später Spagat" führt Robert Gernhardt, der jahrelang gegen sein Krebsleiden ankämpfte, mit unglaublicher, staunenswerter Souveränität seine großen Lebensthemen noch einmal zusammen. Der 120 Seiten starke Band besteht aus zwei Teilen, dem existenziellen "Standbein" und dem eher artistisch-komischen "Spielbein", obwohl Gegensätze in diesem Fall nur bedingt Sinn machen. Kein deutscher Dichter nahm Humor so ernst wie Gernhardt. Wenn es um Komik ging, hörte bei ihm der Spaß auf.

"Später Spagat" beginnt mit einer Reihe von elegischen Toskana- Gedichten, die noch einmal über Verfall, Verschandelung und Vergänglichkeit reflektieren. Der Dichter besichtigt die "Landschaft meiner Niederlagen" und denkt nach über die Unmöglichkeit, die Schönheit der äußeren Welt festzuhalten. Schon in den 80er Jahren beklagte Gernhardt in seinen "Montaieser Elegien" das Verschwinden der Zypressen und die Angst des Malers vor der leeren Leinwand. So sind die Gedichte über die Toskana immer auch Selbstaussagen des an sich selbst zweifelnden Künstlers.

Viele Gedichte des ersten Teils handeln von Krankheit, körperlichem Verfall und Tod. Aber wie Gernhardt diese Schreckens- Themen in Lyrik transponiert, ist einzigartig. Da kommt sein "Krebsfahrerlied" im unschuldigsten Volksliedton daher, als würde der Dichter ins Blaue fahren und nicht zur Chemotherapie ins Krankenhaus von Valdarno. Er hadert mit seinem Schicksal und artikuliert seine Verzweiflung in der Diktion der traurigen Kirchenlieder von Paul Gerhardt (1607-1676): "O Robert hoch in Schulden/ vor Gott und vor der Welt/". Diese Krankheits-Gedichte, in denen manchmal ganz kurz Komik wie ein Irrlicht aufblitzt, können den Leser zu Tränen rühren, aber in ihrer artistischen Versiertheit und Eleganz sind sie zugleich ein großer Triumph.

"Spielbein", das ist dann der komische, der absurde, der radebrechende, der manchmal kalauernde und genial schüttelreimende Gernhardt. Alle Mittel und Register stehen ihm zu Gebote, selbst auf "Tsunami" fällt ihm noch ein Reimwort ein ("Nachnami"). Unglaublich, wie er in "Malade Ballade" einer mausetoten Lyrikform neues Leben einhaucht und dann weit über den komischen Effekt hinaus eine anrührende Geschichte erzählt - von der verrückten Hoffnung eines Kranken auf Heilung. Komik und bitterer Ernst sind in diesem Gedichtband mitunter untrennbar verwoben.

Selbst in vielen von Gernhardts dezidiert komischen Gedichten steckt mehr Poesie und Sinn als in den prätentiösen Kunstanstrengungen etlicher seiner Kollegen, etwa des Büchner- Preisträgers Durs Grünbein, der hier schön verballhornt als "Durs Grünerbein" auftaucht, an der Seite von "Peter Rühmkoffel", "Hans Enzensbargel" und "Oskar Bastimohr". Gernhardt hat sich seine Schärfe bis zuletzt erhalten, als Kunstrichter konnte er gnadenlos sein.

Der Band schließt mit vier Akrostichon-Sonetten, und natürlich lässt Gernhardt am Ende im "Venedichsonett" die erlesene Form lustvoll zerbröseln. Der Dichter hat mit "Später Spagat" sein Feld gut bestellt, die Ernte für den Leser ist überreich. Diese Gedichte werden bleiben.

Robert Gernhardt

Später Spagat

S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main

120 S., Euro 14,90

ISBN 3-10-025509-7

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