Spätes Glück mit Prinzgemahl Paul

- Die glücklichsten Adels-Ehen, das wissen wir, sind die mit Bürgerlichen. Man erinnere sich: Englands König Edward VIII. dankte 1936 sogar ab, um die Amerikanerin Wallis Simpson an seiner Seite haben zu können. Carl XVI. Gustav von Schweden nahm die deutsche Industriellentochter Silvia Sommerlath zur Frau. Sophie Rhys-Jones ist nur Tochter eines Reifenhändlers, egal: Prinz Edward sagte "Yes!", genau wie sein Bruder Charles zur Jugendliebe Camilla.

Wer also wollte den Stab brechen über der britischen Bombastrock-Legende Queen, die 14 Jahre nach dem Tod des Königs der Herzen, Freddie Mercury, und ohne den treuen Paladin John Deacon (Bass) mit einem Bürgerlichen auf Europatour weilt? Wer wollte rufen: "Royale Resteverwertung!" oder "Rentner-Rumpftruppe!"? Natürlich niemand. Alle gönnen sie ihr das späte Glück mit Prinzgemahl Paul Rodgers. Zu lange haben sie die Königin vermisst.<BR><BR>Die Wiedersehensfreude kannte denn auch keine Grenzen, als Rodgers in violettem Licht die Bühne der Münchner Olympiahalle betrat und der große Vorhang fiel, um den Blick freizugeben auf Brian May und Roger Taylor. Letzterer thronte feist hinter seinem Schlagzeug, während der schlaksige Lockenkopf das zähflüssige Gitarren-Riff von "Tie Your Mother Down" anspielte. Und, oh Wunder: Kaum hatte "unser Kumpel Paul" (May) den Mund aufgemacht, dachte keiner mehr an Mercury.<BR><BR>"I Want To Break Free", "Fat Bottomed Girls", "Radio Ga Ga" - es schien, als seien die Songs für ihn und sein profanes, maskulines Rhythm & Blues-Organ geschrieben. Als sei er unrasiert auf die Welt gekommen, ohne Krone, Hermelin oder Spandex-Overall, ein wenig unsicher vielleicht, aber nicht weniger dynamisch animierte er die Untertanen.<BR><BR>Gewiss: Rodgers war als Kopf der Bluesrocker Free bereits erfolgreich, als die kleinen Prinzessinnen noch im Keller übten. Aber es war dennoch verblüffend, wie er die Zeilen "I've paid my dues, time after time" modulierte und damit der mausetot gespielten Hymne "We Are The Champions" sogar etwas wie Soul einhauchte. Aus dem eigenen Katalog durfte er den "Bad Company"-Song "Can't Get Enough Of Your Love" und "All Right Now" von Free beisteuern, was frenetisch bejubelt wurde.<BR><BR>Der Bürgerliche machte also alles richtig. Nur sind Adlige eben leider wenig selbstkritisch. Und deswegen ersparte Roger Taylor uns nicht sein pappsüßes Aids-Klischee "Say It's Not True", und Brian May konnte die flinken Finger nicht von einem so ellenlangen wie gehaltlosen Gitarren-Solo lassen. Nur da ging einem Freddie Mercury wirklich ab. Die "Bohemian Rhapsody" nahmen sie ihm denn auch nicht weg, sie spielten sie von Band ein. Im Hintergrund nostalgische Video-Aufnahmen des Entertainers. Den größten Schauer des Abends verursachte jedoch bezeichnenderweise wieder Rodgers, als er wahrhaft beseelt Mercurys Bekenntnis "The Show Must Go On" anstimmte. Das klang verdammt nach Liebesheirat. Und wer wollte den Frischvermählten dazu nicht ehrlich gratulieren? 

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