Spätlese-Romanze

- Keine Sprache darf sterben. Denn Sprache ist ein Kulturschatz, ist Heimat, besonders dann, wenn sie örtlich nicht mehr festzumachen ist, sondern selber nur noch in den Herzen ihrer Sprecher Heimat hat. "Das Jiddische lebt", bekräftigte Shmuel Atzmon am Ende und dankte allen Förderern, dem "farband fun jidische kehiles in dajtschland" (Zentralrat der Juden in Deutschland) und der Israelitischen Kultusgemeinde München, die jetzt das Gastspiel seines Yiddishspiel Theaters, Tel Aviv, im Künstlerhaus am Lenbachplatz ermöglicht hatten.

Dass das Jiddische eine ungeheuer farbige, musikalische Sprache ist, das erlebte man in "Di letzte Libe", einer Tragikomödie über Holocaust-Überlebende in New York. Es ist eine dieser typischen Psychologenblick-Geschichten von Isaac B. Singer (dramatisiert von Valery Muchariamov), welche bittere Schicksalshärte kraft der Liebe zur versöhnlichen Lebensweisheit wendet: Zwischen dem zweimaligen Witwer Herschel und der verwitweten Ethel bahnt sich über ausgetauschte Erinnerungen - die Kindheit in Polen, die geliebten Ehepartner - und Ethels Kochkünste eine Spätlese-Romanze an.

Behutsam zart hat A. Shapiro diese Annäherung inszeniert, indem er Shmuel Atzmon und die ausgezeichnete Ethel-Darstellerin Anabella, angeregt durch Wein und "gefilte fish", ganz ohne körperliche Berührung und dennoch miteinander tanzen lässt. Nach einem die Heirat schon vorab feiernden Männertanz mit dem Freund - Jakov Bodo: ein Komiker-Ass - überbringt eine Nachbarin (Lora Sahar) die Nachricht vom Freitod Ethels, die ihrem Mann gefolgt ist. Und dann eben nicht der völlige Zusammenbruch eines wiederum schicksalhaft geschlagenen Herschel - sondern durch das noch einmal erlebte Gefühl entsteht die Stärke zum Weiterleben. Das ist ganz schlicht, aber zutiefst überzeugend gespielt von Atzmon, einem Schauspieler der ganz feinen, vom Herzen kommenden Nuancen. Und selbstredend ziseliert das Quartett den jüdischen Humor Singers heraus, der Fehler und Verschrobenheiten heiter-schonungslos auf die Schippe nimmt. Da beneidet man die Zuschauer, die ohne deutsche Übersetzung auskommen.

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