Spätromantische Wucherungen

- Alles besieget die Liebe: Was ein ordentlicher Beischlaf ist, der mag manchem im menschlichen Leben ein Licht aufstecken. Im Orgasmus liegt Erkenntnis - nicht umsonst und keineswegs aus Prüderie ist in älteren Bibel-Übersetzungen von "Erkennen" die Rede, wenn es um das Entsprechende geht.

<P> Am Ende von Richard Strauss' "Feuersnot" vollzieht sich in einem unschuldig "Zwischenspiel" genanntem Orchesterstück musikalisch der Liebesakt, in üppiger Fin-de-siècle-Sehnsucht, bei aller Anzüglichkeit kultiviert-parfümiert. Dann blüht aus der erotischen Begegnung die Erkenntnis auf, nicht nur bei den unmittelbar Beteiligten, sondern gleich bei einer ganzen Stadt, München ausgerechnet.<BR><BR>Aber welche? Nicht mit der gleichen Erhellung zu sagen, mit der das Licht in der "Sentlinger Gasse" wieder aufflammt. Richard Strauss mag, als er seinen Opern-Zweitling als "Nichtoperchen" bezeichnete, um das prinzipielle Problem der "Feuersnot" gewusst haben: dass sie sich nicht recht entscheiden kann, was sie denn nun sein möchte - Farce oder doch auch irgendwie ernst gemeint.<BR>Trotz dieser Problematik hat die "Feuersnot" am Sonntag abermals eine Münchner Neuinszenierung erfahren - durch das Ensemble des Gärtnerplatztheaters, aber in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Theaterakademie im Prinzregententheater. </P><P>Denn: zu klein das eigene Haus für die spätromantischen Wucherungen des Strauss'schen Orchesterapparats. Um dem ständigen Changieren zwischen Spaß und Ernst Rückgrat zu geben, hat Regisseur Hellmuth Matiasek einleuchtend auf einen Hakenschlag der Vorlage verzichtet: die Ansiedelung der Geschehnisse in die "fabelhafte Unzeit" eines grotesk verbogenen Kunst-Mittelalters.<BR>Matiasek holt die Geschichte konkretisierend dahin zurück, von wo sie Ausgang und Motivation nahm - in die Jahre um 1900 und die Biografie ihres Schöpfers. </P><P>Richard Strauss höchstselbst ist's, der am Anfang als Kunrad am rechten vorderen Bühnenrand am Flügel komponierend vor sich hinträumt, vor den Härten des Alltagslebens durch eine bühnenhohe rote Wand geborgen.<BR><BR>Es ist die Mauer Wahnfrieds, wie sich anhand von Tür, Liszt- und Wagner-Büste und Fries erweist. Doch jenseits der Ersatz-Ekstasen der Musik tobt das wirkliche Leben. Die Wand wird durchsichtig, draußen blüht, untermalt vom Getöse der umherziehenden Kinderhorden und dem Plaudern der ehrenwerten Münchner Bürger, der Sonnwendabend auf.<BR><BR>Im Hintergrund grüßt die Bavaria</P><P>Dass es bei dem nun Folgenden in erster Linie um individuell-seelisches Erleben und gar nicht so sehr um die viel beschworene Abrechnung Strauss' mit dem Spießertum der Vaterstadt geht, macht die Bühne Heinz Hausers klar, indem sie die geographische Verortung in München nur zart andeutet. Schräg stehende Spiegelflächen reflektieren von hinten das geometrisch gemusterte Blau des Bühnenbodens, links ein schwarzer, oben zum Balkon geweiteter Pfeiler, lediglich ganz aus dem Hintergrund scheint die Silhouette der "Bavaria" herüberzugrüßen.<BR><BR>Die Kostüme von Zwinki Jeannée sind die der Jahrhundertwende, gehobenes Münchner Bürgertum, Gediegenheit und Selbstverständnis zwischen Seidengilet, Uhrkette, Federhut und Taftkleid.<BR><BR>Doch alle bürgerliche Gesetztheit verhindert nicht den Einbruch der Liebe; Kunrad-Strauss erblickt die Tochter des Bürgermeisters, und schon lodert anarchisches Feuer auf, mitten in des Komponisten Flügel: Die Musik als Hebamme des Eros. Was folgt, sind Verwirrung und Schwanken: Zwischen den Volksmassen lässt der Choreograph Ramses Sigl die Verliebten hin- und hertaumeln, sich drehen zwischen Anziehung und Abstoßung. Trotzdem ist in Matiaseks Interpretation das Entscheidende hier schon passiert: Damit Diemut dem Feuerkopf ihre Jungfräulichkeit hingibt, wird es später des eigennützigen Zuspruchs der guten Gesellschaft nicht mehr bedürfen, die Aussetzung im Holzkorb: ein kleiner Tort nur im Kampf der Geschlechter.<BR><BR>Nicola Beller Carbone verkörpert die Rolle der Diemut ideal, ihr Sopran schöpft aus voluminöser Tiefe selbstbewusst-kraftvolle Spitzentöne. Darstellerisch auf gleicher Höhe Thomas Gazheli als Kunrad. Stimmlich schien ihm die Partie nicht auf den Leib geschneidert. Vor allem in der reichlich vorhandenen Höhe ihrer Tessitur verbrauchte er im Ansingen gegen seinen tendenziell eher engen Bariton viel Kraft, überzeugte jedoch durch sichere Intonation.<BR><BR>Unter den durchwegs ausgezeichnet besetzten kleineren Rollen stachen Florian Simsons klare Zeichnung des frömmelnden Ortlieb Tulbeck und der sonore Jörg Pöschel von Pawel Czekala hervor. Kammermusikalisch feiner Zauber von Frauenstimmen, Solostreichern und Harfe im Quartett Diemuts mit ihren Gespielinnen.<BR><BR>David Stahl und seine Musiker in Orchester und Chören bewiesen eindrucksvoll und mit großer Präzision, dass es in erster Linie Strauss' Musik ist, die die Wiederaufführung der "Feuersnot" rechtfertigt. Dem platten Libretto gewinnt sie Tiefenschichten der Wahrhaftigkeit ab und vermittelt bei allem ironischen Augenzwinkern Einsicht - in Lust und Verunsicherung eines der Leidenschaft offenen Lebens. <BR><BR></P>

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