Spaniens versteckte Narben

- Sepharad ist der Name einer unwiederbringlich verlorenen Welt. Es ist die hebräische Bezeichnung Spaniens, der Heimat, die Zehntausende Juden verlassen mussten, als sie 1492 von den katholischen Königen Isabella und Ferdinand vertrieben wurden. Der Name steht also auch für das Zurücklassen aller Sicherheiten, Vertreibung, Gewalt, Entwurzelung, Willkür, Intoleranz.

<P>So kommt es nicht von ungefähr, dass Antonio Muñoz Molina "Sepharad" als Titel für seinen neuen Roman gewählt hat, in dem er ein Panoptikum des 20. Jahrhunderts zeichnet, das von eben diesen Erfahrungen in ungekanntem Ausmaß geprägt war.<BR><BR>Erschütternde Mini-Melodramen<BR><BR>Es klingt allerdings recht bedrohlich, wenn "Sepharad" auf dem Umschlag das Prädikat des "Opus magnum" aufgedrückt wird. Das Ziel des Buches ist scheinbar nichts weniger, als Leid, Flucht, Verfolgung, Exil und Verlust von Heimat in jeglichem Sinne in einer erzählerischen Gesamtschau des vergangenen Jahrhunderts greifbar zu machen.<BR><BR>Für Muñoz Molinas besteht Geschichte dabei aus den Geschichten Einzelner. "Jeder trägt seinen Roman mit sich." Da ist etwa Willi Münzenberg, Mitglied des Zentralkomitees der KPD und Verleger, der 1940 in Frankreich ermordet wurde, ob von der Gestapo oder den Sowjets, bei denen er in Ungnade gefallen war, blieb unklar. Oder Isaak Salama, ein sephardischer Jude aus Bukarest, der dem Konzentrationslager nach Tanger entkam, wo er ein spanisches Kulturzentrum leitete und unter Franco verbotene Lorca-Stücke zur Aufführung brachte.<BR><BR>Es ist eine Reihe von bemerkenswerten historischen Lebensläufen, die Muñoz Molina dem Leser ausschnittweise und subjektiv gefärbt nahe bringt, auch Jean Améry, Victor Klemperer, Franz Kafka und dessen Geliebte Milena Jesenska gehören zu den realen Figuren des Romans. Daneben stehen fiktive Geschichten um Menschen, denen der Strudel der Zeit in der einen oder anderen Weise den Boden unter den Füßen wegzieht, sei es der Patient, der die Diagnose Leukämie bekommt, oder der Provinzler, den die Arbeitssuche ins verstörende, keinen Halt bietende Madrid getrieben hat.<BR><BR>Ort der Handlung oder des Berichtens sind oft fahrende Züge oder Städte fern der Heimat: Muñoz Molina verortet das 20. Jahrhundert in der Bewegung und in der Fremde. Der Autor, der mit psychologischen Krimis und Erzählungen zu einem der meistgelesenen Romanciers Spaniens avancierte, erzählt fesselnd, wechselt virtuos die Perspektiven, versteht es, Gefühle zu wecken.<BR><BR>Doch gerade das macht den Roman angreifbar. "Sepharad" besteht aus Mini-Melodramen, bewegend, menschlich, erschütternd, spannend. Ganz vereinzelt gefährlich nah an Klischee und einem gewissen Pathos, auch zu traditionell im Erzählansatz, um der letztlich doch un-erzählbaren Radikalität des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden. Doch dieses Vorhaben ist ohnehin so gewagt, dass es ungerecht wäre, Muñoz Molina das Scheitern daran zum Vorwurf zu machen.<BR><BR>Befreit man den Roman von der Bürde des "großen, allumfassenden Werks", bleiben doch beträchtliche Verdienste: Muñoz Molina erinnert eindringlich an Einzelschicksale, die es unbedingt wert sind, vor dem Vergessen bewahrt zu werden. <BR><BR>Das Judentum als Teil von Spaniens Identität<BR><BR>Und er rückt die leicht zu verdrängende Betroffenheit Spaniens von den Verbrechen des Nationalsozialismus und des Stalinismus in den europäischen Kontext: "Schaute man sich um in einer Kneipe in Madrid, in einem Hörsaal der Universität, schlenderte man über die Gran Vía oder ging an einem Sonntagnachmittag ins Kino, sah man nirgends auch nur eine Spur davon, dass dies alles passiert war." Muñoz Molina zeigt die versteckten Narben. Auch, indem er einer weiteren lang geleugneten Tatsache Rechnung trägt, dem Judentum als Teil der kulturellen Identität Spaniens.</P><P>Antonio Muñoz Molina: "Sepharad. Ein Roman voller Romane". Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 542 Seiten; 24,90.<BR></P>

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