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Spanische Sonne und 37 Grad: 53.000 Menschen feiern Tourauftakt der Rolling Stones in Madrid

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Von: Katja Kraft

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Die Rolling Stones haben am Mittwoch in Madrid ihre Europa-Tour „Sixty“ anlässlich ihres 60-jährigen Bühnenjubiläums gestartet
Die Rolling Stones haben am Mittwoch in Madrid ihre Europa-Tour „Sixty“ anlässlich ihres 60-jährigen Bühnenjubiläums gestartet. © Manu Fernandez

Die legendären Rolling Stones haben am Mittwoch in Madrid ihre Europa-Tour „Sixty“ anlässlich ihres 60-jährigen Bühnenjubiläums gestartet. Katja Kraft war für den „Münchner Merkur“ und die „tz“ in Madrid dabei.

Manchmal hat man diese Momente. Da zappt man zufällig in irgendeine Sendung mit einem wahnsinnig gesund aussehenden Ranga Yogeshwar, der davon erzählt, wie wahnsinnig ungesund das ist, was wir so täglich zu uns nehmen - und denkt: mehr Gemüse, unbedingt mehr Gemüse essen in nächster Zeit. Oder man steht beim Tourauftakt der Rolling Stones in Madrid und mit einem Mal ist einem völlig klar: Ballett. Man sollte mit Ballett anfangen. Nur mal zur Erinnerung: Mick Jagger, der Mann, der da am späten Mittwochabend kurz nach Sonnenuntergang vor 53000 Menschen über den Bühnensteg des Wanda Metropolitano Stadions Madrid tänzelt, wird nächsten Monat 79 Jahre alt. Aber die Hüften schwingen noch wie 1962, als der Irrsinn begann. In den 60 Jahren dazwischen hat Jagger sehr viel Ballett gemacht. Davon erzählen die geschmeidigen Bewegungen seines knabenhaften Körpers. Keith Richards und Ron Wood haben andere Sachen gemacht. Davon erzählen ihre zerknautschten Gesichter. Alle drei haben noch lange nicht genug. Davon erzählt diese fast zweieinhalbstündige Show, nach der man sehr heiser - und sehr glücklich ist.

Mick Jagger steht während eines Konzerts der Rolling Stones auf der Bühne im Wanda Metropolitano Stadion.
Mick Jagger steht während eines Konzerts der Rolling Stones auf der Bühne im Wanda Metropolitano Stadion. © Hans Klaus Techt dpa

Genau so hat sich das Patrick Woodroffe vorgestellt. Und wusste insgeheim, dass es funktioniert. Wieder einmal. Seit 40 Jahren entwickelt er als Kreativdirektor und Lichtdesigner die Bühnenshows der Rolling Stones. Seit 1982 - er ist eines der am längsten mit Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood arbeitenden Teammitglieder. Und bis vor Kurzem noch mit Drummer Charlie Watts (1941-2021). Wie sehr verändert das so eine Show, wenn da mit einem mal nicht mehr vier, sondern nur noch drei zentrale Figuren im Fokus stehen? „Den Bühnenaufbau nicht besonders - aber klar hat das etwas mit uns in den Vorbereitungen auf die Tour gemacht“, sagt Woodroffe. Und deshalb haben sie sich gemeinsam eine sehr schöne Hommage an ihren verstorbenen Freund einfallen lassen. Die die Konzertbesucher an diesem Sonntag auch in München im Olympiastadion erleben können. Kein Kitsch und trotzdem rührend. So hätte es Watts gefallen, der, wenn es um ihn ging, zu sagen pflegte: „Don’t make such a Fuss“, - mach nicht so einen Wirbel.

Es ist Mittwochmittag, die spanische Sonne knallt mit 37 Grad vom wolkenfreien Himmel. Was mehrere Dutzend Fans nicht davon abhält, schon jetzt an den Eingangstoren des Stadions auf den Einlass zu warten, der in rund sechs Stunden beginnen wird. Patrick Woodroffe steht im Inneren der Arena, vor der Bühne, auf der seine Mitarbeiter schuften - und wirkt erstaunlich gelassen. Da hat einer Routine. Die Rolling Stones - einfach rollen lassen? „Ein bisschen ist das so, ja“, sagt der 67-Jährige. Und dann wieder nicht. Denn der Grund, warum „die Magie“, von der Woodroffe mittags spricht, am Abend für alle im Stadion zu spüren sein soll, er heißt: penible Vorbereitung. Sechs Wochen lang haben die Stones täglich geprobt. Und gemeinsam mit Woodroffe in den Monaten zuvor genau überlegt, wie man es schafft, auch die von der Bühne aus gesehen stecknadelkleinen Personen auf den hintersten Rängen in der Weite des Stadions noch mitzureißen. 

Das mit dem Mitreißen wird ja nicht leichter in unserer reizüberfluteten Welt. Das Publikum ist heute verwöhnter als vor 60 Jahren. Wenn die Aufmerksamkeitsspanne bei vielen nur noch für Handyvideos, die nicht länger als 30 Sekunden sind, reicht, muss man sich was einfallen lassen als Entertainer. „Das stimmt. Aber man darf nicht den Fehler machen, deshalb einfach immer noch mehr Showelemente einzubauen, noch mehr Videos und noch mehr Knalleffekte“, betont der Profi. „Es darf sich für die Zuschauer nicht so anfühlen, als würde man zwei Stunden lang eine Fernsehshow ansehen.“ Solche Bonbon-Shows könne schließlich jeder. Aber nicht jeder kann sich so unnachahmlich musikalisch selbst vorstellen wie ein Mick Jagger („Pleased to meet you!“) - und bei kaum einem wirkt die Freude am Gitarrenspiel so kindlich-begeistert wie bei Keith Richards auch noch mit 78 Jahren.„Diese Momente im Kleinen, die zählen“, sagt Patrick Woodroffe. 

Als man am Abend wieder vor der Bühne steht - die Sonne ist längst untergegangen - und ein ganzes Stadion für Ron Wood ein Geburtstagsständchen singt, weil der an diesem 1. Juni 75 wird, weiß man, was der Kreativdirektor mit „magisch“ meinte. Und wenn dann Keith Richards mit seiner brüchigen aber einfach ursympathischen Stimme „Happy“ singt, 53000 Menschen ihn danach mit „Olé, Olé, Olé“-Chorus feiern und er sichtlich bewegt „Gracias Amigos! It’s been a While! I missed you“ ruft, glaubt man Patrick Woodroffe auch, dass das mit der „Abschiedstournee“ völliger Blödsinn ist. „Bei jeder Tour in den vergangenen Jahren wurde die Band gefragt, ob diese jetzt die letzte sei. Jeder fragt sie das, nur die Band selbst fragt sich das nie. Weil sie einfach spielen müssen. Da denkt keiner an Abschied“, hatte er mittags erzählt. Mit den Rolling Stones werde es keine „Farewell-Tour“ geben. Sie werden weitermachen bis zum Schluss. Niemals Satisfaction. Außer für die Fans. Die sehr erfüllt nach Hause tänzeln. Nicht alle so geschmeidig wie Jagger. Aber alle mit seiner Stimme im Ohr.

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