Spannendes Orakel

- Schlingensief in Bayreuth? Es gibt mindestens genauso Spannendes bei den diesjährigen Festspielen, die am Sonntag mit einem neuen "Parsifal" eröffnet werden. Zum Beispiel die Rückkehr des dirigierenden Komponisten Pierre Boulez auf den Grünen Hügel. Auch die Frage, wer denn nun 2006 den "Ring des Nibelungen" inszenieren wird. Dazu Orakeleien, welche Rolle Wolfgang Wagners Tochter Katharina künftig übernimmt. Oder einfach Mutmaßungen darüber, mit welch aufregendem Styling Angela Merkel den roten Teppich entlangschreitet - oder ob Edmund Stoiber Amfortas' "Wehe mir der Qual!" auf den neuesten schwarzen Sumpf beziehen könnte.

<P>Zweimal erregte Pierre Boulez hier Aufsehen: mit seinem Debüt 1966, als er Zeitlupenfanatiker schockte, manchen Orchestermusiker bis zur Fast-Meuterei irritierte und den flottesten, schmucklosesten "Parsifal" in Bayreuths Historie dirigierte. Und 1976, als Boulez zusammen mit Patrice Ché´reau den aufregendsten "Ring" des Grünen Hügels, vielleicht sogar der gesamten Rezeptionsgeschichte herausbrachte. Mit der erneuten Verpflichtung von Boulez für den "Parsifal" möchte der Festspiel-Chef also an große Zeiten anknüpfen - ein Vorhaben, das ihm durch den Regisseur verhagelt werden könnte.</P><P>Aber Wolfgang Wagner hat sich die Querelen um Christoph Schlingensief selbst eingebrockt. Die erwartungsgemäß frechen bis verqueren Interview-Äußerungen des Provokateurs, seine Krankmeldung, das Einschalten der Anwälte - alles Folgen davon, wenn PR-Überlegungen künstlerische Gründe zu verdrängen drohen. Sogar die üblicherweise öffentliche Generalprobe fand hinter verschlossenen Türen statt. Von sonst hier verpönten Videos, Obdachlosen als Statisten und Anspielungen auf Schlingensiefs Aktion "Church of Fear" (Kirche der Angst) wird gemunkelt.</P><P>Doch welcher Art die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Schlingensief und Wagner waren, darüber drang bisher nichts nach draußen. Offenbar wollte der 84-jährige Chef die Premiere trotz aller Widrigkeiten durchziehen, eine erneute Trennung von einem Regisseur (nach Martin Kusej, der ursprünglich den "Parsifal" inszenieren sollte, und Lars von Trier) sollte vermieden werden. "Man muss sich überlegen, wohin man hinterher verschwindet, weil einige Leute meine Inszenierung sehr übel nehmen werden", sagt Schlingensief. Das ist schlecht: In der Werkstatt Bayreuth sollte der Regisseur schließlich jedes Jahr an seinem Produkt weiterpuzzeln.</P><P>Gediegen, ohne spektakuläre Verpflichtungen ist jedenfalls die "Parsifal"-Besetzung: Robert Holl (Gurnemanz), Michelle de Young (Kundry), Alexander Marco-Buhrmester (Amfortas) - und Katharina Wagners Lebensgefährte Endrik Wottrich in der Titelrolle. </P><P>Zum letzten Mal wird bei diesen Festspielen Jürgen Flimms "Ring des Nibelungen" gezeigt, eine Produktion, die schon bei der Premiere Anno 2000 eher Ernüchterung statt Enthusiasmus hervorrief. Adam Fischer steht wieder am Pult. Daneben wird "Der fliegende Holländer" in Claus Guths gefeierter Psycho-Deutung wiederaufgenommen, Marc Albrecht dirigiert. Und den Opernreigen komplettiert der "Tannhäuser" in Philippe Arlauds buntem und ambitionslosem Arrangement.</P><P>Doch bei dieser Produktion steht ohnehin ein anderer im Mittelpunkt: Christian Thielemann, gerade zurückgetretener Chefdirigent der Deutschen Oper Berlin und ab September Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker. Schlingensiefs Bonmot, der schönste Moment sei doch, "wenn die Musik aufhört zu spielen", wäre also im Fall "Tannhäuser" eher unangebracht.</P>

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