Im Spannungsfeld der Urgewalten

- Der große Farbmaler Deutschlands war ein begnadeter Landschafter. Eruptiv und kantig, mit einem ungeheuer perspektivischen Zug erfasste er das Zentralste zwischen Gebirge, Wasser und Mensch: das Spannungsfeld der Naturgewalten, die Dynamik der Elemente. Ernst Wilhelm Nays Marsch in die Gegenstandslosigkeit war lang und nährte sich aus den Formen Norwegens und Frankreichs. Was aus den zackigen Gebirgen, den kleinen Menschlein davor, den Tiefen der Täler und den dichtgrünen Parks geworden ist: eine Balance der Formen, eine Kommunikation von Grundfiguren, eine stabile Stimmung aus Strukturen.

<P>Die Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne München hat die Gegenüberstellung von früh und spät, von Aquarellen und Gouachen aus den 30er- und 60er-Jahren zum Thema gemacht. Schon als Auftakt im Gang gelingt eine kommentarlose Didaktik, die die Abstraktion zu einer logischen, ja notwendigen Konsequenz der Landschaft werden lässt.</P><P>Der Weg in die Abstraktion<BR><BR>Den Ausschlag gaben für Nay (1902-1968) Reisen 1937/38 auf die norwegischen Lofoten. Erdfarben dominieren die Bilder. Schwarz-braun türmen sich gebirgige Ufer über tiefem Wasserblau, Parallelen, Schwingungen und Flächen schaukeln sich gegenseitig auf. Beim "Mann vom Bergsee" (1938) scheint die Landschaft auf den einsamen Menschen zuzuströmen. Die gleiche, gewaltig gebündelte Struktur und die konzentrierten Flächen verweisen auf den Freund und Gönner Edvard Munch. Beruhigter zeigen sich leuchtende Badende, sanft sogar lässt Nay die blasse Mitternachtssonne (1937) eine Szenerie bestrahlen.<BR><BR>Sehr dicht hält Nay dann die Bretagne während der Kriegsjahre in kleinen Blättern fest. 20 davon sind zum ersten Mal ausgestellt. Immer noch dominieren Erdfarben, ein fruchtbares Grün macht sich breit. Gleichzeitig entwickelt Nay eine fast ethnische Figurensprache, lässt Paare sich zart umarmen vor einem licht gemusterten Sommer (1942). Extrem dynamisch, in umfassenden Kurven und kantigen Splittern, gliedern sich Frauen in seinen Kosmos ein. Schlafende, Hinsinkende (1942) vereinen kubistische und expressive Ideen. Nachtlandschaften und Träume markieren die Kriegsjahre. 1946, der Frühling: eine kurvige Frau, mehräugig, mehrperspektivisch, eine rhythmische Huldigung an bessere Zeiten. Die Palette lichtet sich. Bis sich die Formen gänzlich vom Gegenstand lösen, dauert es aber noch.<BR><BR>In den 50er-Jahren erfolgt der Durchbruch. Wenige der bekannten Scheibenbilder dokumentieren Transparenz, Schwebendes, die Konzentration auf wenige Farben und Kompositionsakzente. Die Tuschebilder (1962) lassen dennoch Rückschlüsse auf Urgewalten zu.<BR><BR>In den 60ern befreite sich Nay von allen klaren Assoziationen, ohne grundsätzliche Gliederungen aufzugeben. Farbe pur, Kurven und Kante, Raum und Freiraum stehen nun gleichgewichtig nebeneinander. Die Strukturen scheinen einfach und sind doch Ergebnis mühsamer Versuche. 16 Filzstiftzeichnungen zu "Gelb-Rosa" und "Metablau" (1967) belegen das Ringen um Perfektion. Hier wird schon fast der Schritt zur Malerei getan, die mit wenigen Arbeiten im Obergeschoss präsentiert wird. Das (scheinbar) Spontane der Arbeiten auf Papier allerdings steht Nays Werk besonders gut.</P><P>Bis 27. Juni, <BR>Katalog 20 Euro, <BR>Tel. 089/ 23 80 51 95.<BR></P>

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