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Energie aus der Zitrusfrucht: „Capri-Batterie“ von Joseph Beuys, zu sehen in der Galerie Thomas. Und ein Blick auf Ureinwohner: Irving Penns „Standing Warrior, Sitting Girl“ (bei Bernheimer).

Ein Spaziergang durch Münchner Galerien

München - Wem der überzuckerte Weihnachtszauber der Christkindl-Märkte etwas zu süßlich ist, der muss die aktuellen Ausstellungen einiger Münchner Galerien besuchen. Ein Überblick über Geschmackskontraste, günstige Klassiker und Exotisches:

Dort werden als Geschmackskontrast derzeit Kunstwerke präsentiert, deren Reiz in ihrer eher herben Magie besteht.

So wie bei Joseph Beuys. Dem epochalen Fett- und Filz-Alchemisten ist in den Räumen von Thomas Modern (Türkenstraße 16) eine großartige und opulente Schau gewidmet – bei der nicht zuletzt die Preise erstaunen. Denn auch wenn es dort Arbeiten für 350 000 Euro zu kaufen gibt, kann man das günstigste Beuys-Werk schon für zehn Euro erwerben: eine Postkarte aus grauem Filz, die zwar unsigniert ist und in unbegrenzter Auflage produziert wird, aber nicht nur als originelles Geschenk taugt.

Verhältnismäßig günstig für das Werk eines echten Klassikers ist auch die Farblithographie „Hirschkuh“ (8500 Euro), bei der lasierende gelbbraune Schlieren zur wunderbar anmutigen Tierform gerinnen. Betörend filigran und kraftvoll zugleich wirkt dann eine Zeichnung mit Bleistift und Hasenblut auf Aluminium – ein melancholisches Memento-Mori, das zugleich den Schrecken der Vergänglichkeit zu bannen scheint. Die geheimnisvolle Ausdruckskraft der Materialien wird aber auch in der „Mit Schwefel überzogenen Zinkkiste“ geradezu körperlich spürbar – zumindest andeutungsweise, denn ausgerechnet dieses Objekt wird in einem hinderlichen Sperrholzverschlag präsentiert, in den man nur durch enge Sehschlitze hineinlugen kann. Eine originell gemeinte Idee der Ausstellungsmacher, von der man aber bezweifeln darf, dass Beuys von ihr begeistert gewesen wäre (bis 25. Februar, täglich außer Sonntag 10 bis 18 Uhr).

Passend zu dieser Präsentation ist Beuys auch noch in einer zweiten Münchner Galerie präsent: Der Schirmer Mosel Showroom (Galeriestr. 2) zeigt Schwarzweiß-Bilder von Ute Klophaus (1940-2010), die den Künstler während seiner Aktionen fotografierte. Zwischen 4000 und 6000 Euro kosten die Aufnahmen, auf denen man Beuys etwa mit Fettkeilen hantieren oder am Klavier sitzen sieht, wobei er eine Art Rucksack trägt, aus dem Spazierstöcke ragen. Die leicht überbelichteten, von der Fotografin im Negativ bewusst etwas malträtierten Bilder mit ihrer grobkörnigen „Ausfransungsästhetik“ verbinden lyrisch-verschwebende Zartheit mit der Anmutung des Körperlichen, Materiellen, ja fast Erdigen. Gerade damit erweisen sie sich aber als kongeniale Annäherung an Beuys, der in seinem Werk eben das geistige Potenzial des Stofflichen sichtbar macht (bis 28. Januar, Mo. bis Fr. 12 bis 19 Uhr, Sa. 12 bis 15 Uhr).

Vom Kunst-Schamanen Beuys ist es nicht weit zu den Medizinmännern und anderen Eingeborenen, die Irving Penn (1917-2009) in Afrika, Peru und Neuguinea abgelichtet hat. Immer wieder verließ der berühmte amerikanische Mode- und Porträt-Fotograf die New Yorker Glamour-Sphäre, um auf Exkursionen in abgelegene Weltgegenden Eingeborene mit der Kamera zu porträtieren. Diese Fotografien (Preise zwischen 30 000 und eine Million Euro) werden unter dem Titel „Ethnos“ in den edlen, eigentlich für Gemälde Alter Meister vorgesehenen Räumen der Galerie Bernheimer präsentiert (Brienner Straße 7). Faszinierend sind die Bilder nicht nur durch ihre „exotischen“ Sujets, sondern vor allem als frühe Dokumente eines postmodernen Eklektizismus. Spielen sie doch – gewollt oder ungewollt – verschiedene bekannte Möglichkeiten des westlichen Blicks auf die Ureinwohner durch: Da gibt es den stolzen schwarzen Krieger mit Speer, zu dessen Füßen sich eine barbusige Schöne lagert – ein Foto, das den Topos des Edlen Wilden mit Phantasien archaischer erotischer Dominanz kombiniert.

Ein anderes Bild, das maskierte Ritual-Tänzer in fein nuancierten Grautönen vor grauem Hintergrund zeigt, beschwört den Verwobenheits-Zauber magischer Weltbilder. Das Foto einer Peruanerin in Tracht vor almodischer Studio-Kulisse wiederum erscheint mit seiner „Vintage“-Aura dann als Reminiszenz an völkerkundliche Dokumentar-Bilder, während eine raffiniert komponierte Gruppe schwarzer Frauen (ebenfalls barbusig) wie Models im Modemagazin posiert (bis 28. Januar, Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 16 Uhr).

Von Alexander Altmann

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