Ein Sperr, was sonst?

- "Danke, dass Ihr alle gekommen seid's", begrüßt Volkstheater-Intendant Christian Stückl am Freitagabend das Publikum und freut sich, dass nach langer Sommerpause endlich wieder gespielt wird. Anlass der kleinen Ansprache: Die Eröffnungspremiere der neuen Saison, Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" aus dem Jahr 1966, darf nicht mehr diesen Titel tragen, darf auch nicht Sperr als Verfasser angeben.

<P>Die Witwe des Autors (1944-2002) und sein Verlag wollten es so. Denn nach ihrer Ansicht hat der Regisseur Florian Fiedler durch Streichung von etwa 50 Prozent des Textes das Jugendwerk verfälscht. Nun heißt es "Nieder Bayern" (sprachlich ein Unding), und Stückl erklärt, das Theater zahle dennoch die fälligen Tantiemen; zudem glaube er, dass die Aufführung "trotzdem ein Sperr ist".</P><P>Damit hat er ganz sicherlich Recht. Denn um das ausladend naturalistische, frühbundesrepublikanische Gesellschaftsbild am Beispiel eines niederbayerischen Dorfes szenisch zu realisieren, müssen, da das Geld gering ist und das Ensemble klein, starke Eingriffe vorgenommen werden. Kein Bürgermeister, kein Großbauer, kein Pfarrer, es fehlt die Flüchtlingsfamilie aus Schlesien und mit ihr so allerlei anderes Volk. Regiejüngling Fiedler, der in vielerlei Hinsicht über szenisches Geschick, gute Personenführung und theatralische Fantasie verfügt, lässt das Drama im Niemandsland der Zeit spielen. </P><P>Er siedelt die Geschichte an zwischen Petticoat und Walkman. Denn die Jagd auf Menschen gibt es immer und überall. Also holt man das Stück durch Rockmusik und Düsenjäger-Schocklärm näher ans Heute heran. Das alles ist legitim. Ja, es könnte dem fast vergessenen Autor zu neuer Aktualität verhelfen, und vielleicht tut es das ja auch. Aber die Aufführung beginnt in den Szenen zu langweilen, in denen sich der Regisseur allzu sehr in die Schwulentragödie verliebt hat, in ausgedehnte Zärtlichkeitsrituale zwischen Abram und Rovo. Und immer wieder in den Reißverschluss von Abrams Hose. . . Das ist dann - und erst recht wenn die beiden als brunftige weiße Hirsche umeinander tändeln - in erster Linie sentimentaler Kitsch.</P><P>Für den gesellschaftspolitischen Hintergrund müssen szenische Clip-Aufnahmen reichen. Da werden frohe Lieder zur Arbeit gesungen und auch einmal die Bayernhymne, da wird - ziemlich eklig - mit nackten Füßen rohes Fleisch zu Brät gestampft. Es wird gesoffen, geschlagen, gequält und gemordet. Hier jagt jeder jeden. Und dabei gelingen in dem großen, weiten Raum, der den armseligen Biergarten der Metzgerwirtin darstellt, neben manchem Durchhänger doch immer wieder Bilder von starker Spannung und bedrückender Intensität. In der Ausweglosigkeit Momente der Sehnsucht.</P><P>Leopold Hornung ist ein anrührender Abram, Brigitte Hobmeier eine so kühle wie glühende, überzeugende Tonka. Bemerkenswert ist, wie Karsten Dahlem als der brutale Fiesling Volker seine Figur verteidigt, indem er in ihr immer wieder auch blitzlichtartig Gefühl aufscheinen lässt. Was für ein schöner Augenblick, wenn er den Kopf der toten Tonka in seinen Schoß bettet. Insgesamt zählt hier die Leistung des jungen, sympathischen Volkstheater-Ensembles, das diesmal verstärkt wird durch die vitale Monika Baumgartner als lebenssüchtige Kriegerwitwe Maria. Der resche, bayerische Charme der Baumgartner tut dieser Inszenierung und diesem Theater gut.</P><P>Am Straßeneingang zum Münchner Volkstheater dreht sich neuerdings ein großer, erleuchteter Würfel. Das Theater als Glücksspiel. Mit "Nieder Bayern" wurde zwar noch kein Haupttreffer, aber doch schon mal ein Gewinn erwürfelt.<BR></P>

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