Sphären der Reinheit

- "Aus tiefer Not schrey ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rueffen", hat einst Martin Luther den Anfang des Psalms 130 wortgewaltig ins Deutsche übertragen - in "Paradisi gloria" in der Münchner Herz-Jesu-Kirche stand der Text in seiner lateinischen Version im Mittelpunkt: "De profundis" als Paradigma für den immer wieder leidenden, in äußeren oder inneren Krisen steckenden Menschen. Dass der Psalm nach seinem depressiven Beginn sich am Ende doch noch zum Lob- und Hoffnungsgesang aufschwingt, haben die Musikstücke des Abends dankbar aufgenommen. Der zweite Satz aus Arthur Honeggers "Symphonie liturgique" etwa zeigte sich trotz aller Dissonanzen-Schichtungen des Mittelteils erfüllt von einer pastoral, fast heiter anmutenden Rettungsgewissheit: "religio"/ "Rückbindung" im 20. Jahrhundert.

<P>Unter Leitung von Marcello Viotti kostete das vorzügliche Münchner Rundfunkorchester die irisierende Partitur aus bis in die feinsten Verästelungen. Ähnlicher Aufschwung zu den Sternen in Marcel Dupré´s "De profundis"-Kantate auf die Toten des Ersten Weltkriegs, am Ende ein ätherisches "Lux" als Ausdruck des Trostes nach der zuvor mit klanggewaltig-präziser Dringlichkeit von den Solisten und dem Chor des Bayerischen Rundfunks vorgebrachten Hoffnung auf Erlösung. Mehr nach innen gewandt, spröder, die "De profundis"-Vertonungen von Josquin des Prez, Orlando di Lasso und Arvo Pärt. Jene mit sphärisch schwingender Reinheit noch vor den expressionistischen Möglichkeiten des Dur-Moll-Systems angesiedelt, diese bewusst zu meditativer, scheinbar einfacher Klangsprache zurückkehrend. <BR><BR>Ob das Konzept der Reihe, die Musik durch moderiertes Gespräch in weitere Kontexte zu setzen, tatsächlich aufgeht? Auch in diesem Konzert blieb trotz Charme und Eloquenz von Albert Scharf im Dialog mit Dagmar Schipanski die Erörterung oberflächlich und im Vergleich mit der Macht des musikalischen Ausdrucks letztlich unbefriedigend. <BR></P>

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