Sphärischer Raum

- Ein zentrales Projekt der Ära Mortier sollte es werden, eine Verbeugung vor einem der wichtigsten Musiktheaterwerke in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber das Geld: Immer wieder musste Salzburg "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" verschieben, erst Intendant Peter Ruzicka brachte jetzt Helmut Lachenmanns Opus summum zum Festspiel-Finale in die Felsenreitschule - eine Musik mit "Bild-Installationen", die sich freilich als bemühter Dia-Vortrag entpuppten.

<P>Im Grunde war dies eine konzertante Aufführung im abgedunkelten Haus, dessen charakteristische Arkadengänge hinter schwarzem Tuch verborgen blieben. Und das Merkwürdige - so ganz schien die Ehrfurcht vor Lachenmanns "Mädchen" nicht nachvollziehbar, offenbarte das zweistündige Stück auch Durchhänger.</P><P>Mag sein, dass diese Aufführung ganz ungewollt demonstrierte: Eine Inszenierung, ist sie noch so schwer realisierbar, gehört irgendwie doch zur Komposition. Und sei es nur, um diese zwei Stunden zu strukturieren, punktuell zu erklären oder anzudeuten, um was es gerade geht. Auch wenn es sich um keine "normal" erzählte Oper dreht, auch wenn Wortfetzen oder gedehnte Laute Handlung nur kurz aufblitzen lassen und Singen ersetzen, auch wenn Lachenmanns plastische und eindringliche Tonsprache Stimmungen und Gefühle geradezu aufdrängt.</P><P>Zum alleinigen Akteur wurde so, neben einem kurzen Sprecher-Auftritt des Komponisten höchstselbst, der Dirigent - kein Nachteil. Denn Sylvain Cambreling imponierte durch seinen schonungslosen Einsatz fürs Werk, durch seine Präzision mit der er den gewaltigen Apparat, bestehend aus Harue Nonaka und Ichiro Kajiki (Sopran), dem SWR Vokalensemble, dem SWR Sinfonieorchester plus Konserven-Zuspielungen, auf Linie brachte.</P><P>Der Hörer blieb folglich, auf sich selbst zurückgeworfen, mit Lachenmanns Partitur allein. Doch wer sich ihr öffnete, erlebte Staunenswertes: Lachenmanns phänomenale Filigranarbeit, seine enorme Kreativität, die Musik und Geräuschhaftes zu unerhörten Wirkungen koppelt, die auch Bekanntes ("Stille Nacht") wie ein archaisches Zitat verwebt, die - vor allem beim "Entzünden" der Streichhölzer - einen sphärischen Raum auffächert, schließlich das ergreifende Ende, wenn nurmehr Hauchendes, tonlos Gestrichenes und Geblasenes den Klang merklich einfrieren lassen.</P><P>Für Salzburgs Intendanten Peter Ruzicka ist Lachenmanns Oper ein zentrales Ereignis seiner Karriere, wurde das "Mädchen mit den Schwefelhölzern" doch unter seiner Amtszeit als Hamburgischer Opernchef dort uraufgeführt, ihm ist das Werk sogar gewidmet. Gerade deshalb kann diese Aufführung nur ein erster Versuch sein, ein Appetithappen, denn: Das Stück muss in Salzburg schnellstmöglich inszeniert werden. Geldmangel? Dann lieber ein weiteres Strauss-Projekt streichen.</P>

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