Verwirrung nach Explosion im New Yorker Stadtteil Manhattan

Verwirrung nach Explosion im New Yorker Stadtteil Manhattan

Spiegeleier auf dem Tablett

- "Wirtsvolk! Wirtspack! Wirtsgauner!", schimpft der Schauspieler noch texttreu - um dann Improvisiertes nachzuschieben, das auf die Aufführung zurückfällt: "Wird's was? Wird's nix?" Jedenfalls ist sich Bregenz treu geblieben. Zum Auftakt des Festivals wurde im Festspielhaus Unbekanntes ausgegraben, Musiktheater der gemäßigten Moderne, in den letzten Jahren meist als neutönige Kulinarik serviert.

<P>Etwas bissiger darf's schon sein, dachte sich wohl der neue Intendant David Pountney - und kürte Kurt Weill zum Festspiel-Schwerpunkt 2004. Die beiden Einakter, Weills Erstling "Der Protagonist" (1926) und sein "Royal Palace" (1927), bleiben zwar auf Sichtweite der klassischen Oper, nehmen aber Kurs auf ein neues, experimentelles, mit Pantomime, Film und U-Musik angereichertes Theater.<BR><BR>Die folgenschwere Verwechslung von Kunst und Wirklichkeit, ausgelöst von der psychotischen Eitelkeit eines Schauspielers, quasi die Kombination von Bernhards "Theatermacher" und Leoncavallos "Bajazzo": Einen Regisseur müsst's bei diesem doppel- bis dreifachbödigen Thema in den Fingern jucken. Nicolas Brieger freilich vertraut beim "Protagonisten" auf grellen Aktionismus und Figuren ohne Tiefenschärfe. Die beiden Pantomimen, die der Titelheld für den Herzog proben muss, bergen zwar bei Weill und seinem Librettisten Georg Kaiser durchaus Handfestes. Doch Brieger übersteigert dies noch: Karikaturen von der Dirne bis zum Mönch in Rammel-Keuch-Stöhn-Szenen. Die Gefährlichkeit und Gefährdung der Hauptfigur wird kaum erklärt, alles beschränkt sich nur auf inzestuöses Knutschen und Gesichtszucken aus der Stummfilmzeit. Ein eitler, überflüssiger Gag ist, die Aufführung durch Improvisationen zu unterbrechen.<BR><BR>Substanzieller ist der Einsatz der Videotechnik. Eine kleine Kamera, offenbar versteckt in der Perücke der Schwester, nimmt den Protagonisten aus ihrer Sicht auf, projiziert das Bild auf eine Leinwand - und unterstreicht damit das Verwischen von innerem Konflikt und nach außen getragener Kunst. Wie überhaupt die Produktion durch die Ausstattung punktet: aus dem Lot geratene Kinosessel-Reihen vor einer riesigen, schräg gekippten Glasscheibe, die Projektionen und geheimnisvolle Durchsichten erlaubt. Diese Technik bestimmt dann auch "Royal Palace", von Weill und Textdichter Iwan Goll als Experiment mit der gerade aktuellen Filmtechnik gedacht. Ein spiegelglatter Boden, eine karge Bar-Situation, die große Scheibe: Das Surreale des Stücks wird in eine rätselhafte, durch Reflexe und Video-Projektionen bestimmte Welt übersetzt.<BR><BR>Regisseur Brieger räumt weitgehend das Feld für das famose Team von "fettFilm", das poetische, auch verblüffende Effekte zaubert - von der New-York-Vision, die Dejanira als "Geschenk" geboten wird, bis zu Spiegeleiern, die auf den Tabletts der Kellner auftauchen.<BR><BR>Catherine Naglestad, in beiden Stücken weißer Engel und cooler Marlene-Dietrich-Typ, singt ihre Rollen mit dunkler, lodernder Intensität, ist immer Zentrum der Aufführung, selbst wenn sie nur als ungreifbare Figur am Rand auftaucht. Gerhard Siegel wirft sich mit schweißtreibendem Körpereinsatz und der ganzen Kraft seines Tenors in die Rolle des Protagonisten: Ein Solist, der Schöngesang dem ausdrucksstarken Spiel unterordnet - und sich das klanglich auch erlauben darf. Roland Bracht, Martin Busen und Bernhard Landauer nutzen die "Schauspieler"-Partien zu outrierten Kabinettstückchen.<BR><BR>Yakov Kreizberg hielt die Wiener Symphoniker an der kurzen Leine. Die nervige Motorik, die expressive Dramatik, der oft floskelhafte Tonfall des "Protagonisten" wurden klug herausgearbeitet. Auch Kurt Weills distanzierende Kunst, die herbe, manchmal freitonale Melismen wie eine "Als-ob-Lyrik" begreift. In den U-Musik-Passagen von "Royal Palace", etwa im finalen Tango, agierte Kreizberg nie zu vordergründig. Jubel für ihn und die Sänger, freundlicher Beifall nach "Royal Palace", zur Pause war's heftiger: "Schwachsinn!" und "Na servus."<BR><BR>Trotzdem - die Stückwahl überzeugte, weniger Nicolas Briegers Regie der verpassten Chancen. Bregenz unter David Pountney also auf neuen Wegen? "Wird schon" . . .</P><P>Infos und Karten unter 0043/ 55 74/ 407-6 oder www.bregenzerfestspiele.com.<BR></P>

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