Spiel mit Befindlichkeiten

München - Tapetenwechsel, ein neues Outfit, einfach irgend eine Veränderung - das braucht der Mensch in seinem Alltagsrhythmus. Dem Staatsballett geht es nicht anders.

Nach einem dichten Petipa-Jahr mit illustren Gästen aus den klassischen Hochburgen St. Petersburg und Moskau ist 2007/08 eher auf eine modern, zum Teil sogar unmittelbar heutig bewegte Neoklassik ausgerichtet - gesteht sich Risiko zu.

Van Manen, Schläpfer und Sandroni: Exotische Kombinationen im Programm der diesjährigen Ballettfestwoche

Nach dem Motto "Frisch gewagt ist halb gewonnen" startet die Ballettfestwoche mit "einer exotischen Kombination", so Bettina Wagner-Bergelt, die als rechte Hand von Ballettchef Ivan Liska dem Ensemble immer mal wieder die zeitgenössischen Sporen gibt. Das, nein, der Exotische in der Dreier-Kombi "Hans van Manen, Martin Schläpfer, Simone Sandroni" ist letzterer. Zu den beiden international renommierten Neoklassikern hüpft da nun mutig der Italiener Sandroni hinzu - in den 80er-Jahren Mitglied in Wim Vandekeybus' wilder Avantgarde-Truppe, seit 1993 Choreograph der freien Szene, die nach ganz anderen Regeln funktioniert: "Mit dem eigenen Ensemble kann ich mir viel mehr Probenzeit nehmen als hier. Ich versuche ja, in jedem Stück eine neue Sprache zu entwickeln." Die Münchner Tänzer seien für ihn vergleichbar mit super Sportwagen, deren Tempomöglichkeiten er auch nutzen wolle.

nterstützung dafür hat er in der Künstlerin rosalie gefunden, die für sein Stück "Cambio d' abito" den Tänzern die schrägsten Kostüme auf den Leib geschneidert hat. Im Flug der Bewegung müssen die "Habits" dann abgestreift werden. Hier sei natürlich nicht nur der "Kleiderwechsel" gemeint, sondern auch eine Veränderung der Persönlichkeit, wirft der Ballettchef ein, der entspannt wirkt wie selten sonst im Premierenstress.

Ivan Liska ist ganz in seine Führungsrolle hineingewachsen. 2009 feiert er ja auch schon 10-jähriges Jubiläum - das Staatsballett 20-jähriges -, was Tanzfestlichkeiten in Aussicht stellt. Dass er Martin Schläpfer, der sich bisher ausschließlich auf sein Ballett-Mainz konzentrierte, für eine "Fremdgänger-Kreation" gewinnen konnte, geht auf Liskas Beharrlichkeits-Konto. Schläpfer, in bester Erinnerung als Heinz Spoerlis Star-Tänzer, darf spätestens seit seiner Mainzer Ballettdirektion als einer der wichtigsten heutigen Tanzschöpfer gelten. Auch wer nicht nach Mainz gereist ist: Auf 3sat, Arte, ZDF und SWR waren seine ausgezeichneten Arbeiten zu sehen. Schläpfer - wie immer dieser Münchner "Seitensprung" ausgehen wird - gehört eben nicht zur der Kategorie der schnellfertigen Schrittemacher. Er schürft tief hinein in die Bewegung, "wo das Gefühl andockt". Sein "Violakonzert/II" sei ein Spiel mit Befindlichkeiten, ein Ausloten der "Grauzonenbereiche zwischen den Personen, der möglichen Sinnlichkeit, der Erotik...und dann die Frage, wie weit kann das akademische Material das alles mittragen".

Auf die Antwort am 12. April ist man gespannt. Gespannt auch auf die Cranko-Gala. Wolfgang Oberender, Liskas andere rechte Hand, der als gebürtiger Stuttgarter mit Cranko großgeworden ist, hat Werke zusammengestellt, die einen Bogen schlagen vom frühen Talent bis zum reifen Genie.

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