Spiel mir das Lied vom Tod

- "Aus der Anonymität ins Theater zu kommen, gefällt mir gut", sagt Robert Hunger-Bühler. Am liebsten halte er sich da auf, wo er nicht vermutet werde. So wie jetzt in München, wo der Ruhe liebende Zürcher Schauspieler im November gleich dreimal sein Stadt-Debüt feiert: an den Kammerspielen in Jossi Wielers Inszenierung der "Bakchen", die morgen Premiere haben, sowie in "Elementarteilchen", einer Übernahme vom Schauspiel Zürich (29. 11.), und beim Spielart Festival mit Christoph Marthalers Zürcher Liederabend "O.T. Eine Ersatzpassion" (22. und 23. 11. in der Muffathalle).

Haben Sie denn vermutet, dass Sie eines Tages nach München kommen?

Robert Hunger-Bühler: Ja. Seit Baumbauer hier ist, haben wir eine Möglichkeit gesucht, hier zu gastieren. Jetzt bin ich vom Schauspielhaus Zürich ausgeliehen - wie ein Fußballspieler. Dass es drei Produktionen sind, ist reiner Zufall. Es ist großartig, dass Theater so anders sein kann, es sind drei völlig verschiedene Herausforderungen, und das in München!

In Peter Steins EXPO-Inszenierung des "Faust" waren Sie der Mephisto, jetzt, in den "Bakchen" spielen Sie den Gott Dionysos - in welchen Gefilden fühlen Sie sich wohler?

Hunger-Bühler: Naja, ich merke, dass das miteinander zu tun hat. Weil das ein Gott ist, der lange Zeit im Götterhimmel nicht anerkannt wurde. Er ist eine Art Bastard, er hat eine irdische Mutter und ist als Halbwaise aufgewachsen, gedemütigt in Mädchenkleidern. So kann ich schon verstehen, dass er nicht unbedingt ein Gutmensch-Gott ist, sondern eine tief sitzende Verletzung und einen Hass hat gegen das, was ihm da als Knabe passiert ist. Mephisto ist ein ähnlich heimatloser, verwaister Getriebener.

Mit Jossi Wieler, dem Regisseur, verbindet Sie ein "Amphitryon" am Schauspiel Bonn 1985. Was hat sich verändert?

Hunger-Bühler: Er ist so wie immer, nur viel sicherer und noch feiner geworden, ein langer Brüter, ein Regisseur, der langsam gewachsen ist. Was mir sehr zugute kommt, weil ich denke, dass mir Kurzstrecken auch nie lagen.

Im "Amphitryon" schickte Sie Wieler ans Reck. Geht er auch an "Die Bakchen" sportlich heran?

Hunger-Bühler: Nein, hier wird der Geist geschärft. Wie wenn man durch einen Nebel schaut und plötzlich klar sieht. Da wird sehr filigran an Sprache gearbeitet und an minimalen Gesten. Sportlich sind eher die Bakchen, also die Frauen, der Chor.

Die sind reduziert auf zwei Personen.

Hunger-Bühler: Herrlich erotisch! Weil es dadurch ganz persönlich wird. Die ganze Inszenierung ist ja wie ein Kammerspiel.

Sie sind heute selbst Regisseur. Was macht der, wenn nur der Schauspieler gefragt ist?

Hunger-Bühler: Das ist schwierig, eine schizophrene Situation. Das habe ich mir kürzlich mit dem "Oblomov" in Zürich zugemutet - als Oblomovs eigener Regisseur. Es ging erstaunlich gut, aber es ist kein Rezept für ein anderes Stück.

Gibt es denn neue Projekte?

Hunger-Bühler: Ich möchte "Spiel mir das Lied vom Tod" machen. Das sind so sensationelle Dialoge und dazwischen langes pathologisches Schweigen. Gute Western sind gültige Theaterinszenierungen.

Sind Sie ein Western-Fan?

Hunger-Bühler: Ja, sehr. Weil da immer ein Verweis auf die Archaik ist, aber sehr ironisch und zynisch umgesetzt. Bei Peckinpah habe ich das Gefühl, der muss die Griechen gelesen haben. Bei den "Bakchen" denke ich auch an ihn. Wegen der Grausamkeit: Beide haben ja ganz viel mit Familienblut zu tun.

Es gibt das Stück gleich zweimal in dieser Münchner Spielzeit. Worin besteht sein Reiz?

Hunger-Bühler: Ich glaube, dass es kein Stück gibt in der dramatischen Weltliteratur, welches derart ambivalent und bipolar zeigt, wie zwei Welten funktionieren und sich bis aufs Blut bekämpfen: die Welt von Pentheus, also die Vernunftswelt, wo der Mensch Gott draußen lässt, und die Welt, die das ganze Mysterium zulässt, die aber an den Rand und in Gettos gedrängt wurde. Wenn man sich zum Beispiel vorstellt, dass heute Franzosen um die Peripherie von Paris sitzen und mit einem Gottesbeweis sagen, wir sind geächtet, und jetzt schlitzen wir euch erstmal die Autos auf . . . Was mich betrifft, habe ich lieber einen zornigen Gott, als einen, der immer so tut, als wär' alles gut.

"Die Bakchen" und "Elementarteilchen" trennen 2400 Jahre - aber der Weg ist vielleicht gar nicht so weit.

Hunger-Bühler: Gar nicht. Jedes Mal bin ich verblüfft, wie alt Euripides' Stück eigentlich ist. Man hat nie das Gefühl, dass es verstaubt ist - weil es ohne jede Wertung und Moralisierung auskommt. Euripides beschreibt das Drama einer Familie erschreckend aktuell und so heutig wie Houellebecq.

Das Gespräch führte Teresa Grenzmann

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landung im Comic-Welttheater
München - Der Münchner Theaterakademie glückt mit „Flight“ von Jonathan Dove eine erstaunliche Aufführung.
Landung im Comic-Welttheater
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
München - Heute wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert sich ein Besucher an sein letztes Konzert mit Nirvana in München.
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
Energie! Skunk Anansie in der Muffathalle
Skunk Anansie leben von ihren Crossover-Hymnen des letzten Jahrtausend. Dennoch, die Band weiß ihr Publikum zu begeistern. Unsere Konzertkritik. 
Energie! Skunk Anansie in der Muffathalle
Wenn die Geister kommen
Toshiki Okadas Stück „Nō Theater“ wurde an den Münchner Kammerspielen unter seiner Regie uraufgeführt. Der japanische Dramatiker schult dabei die ästhetische Wahrnehmung …
Wenn die Geister kommen

Kommentare