Spiel mit Menschenleben

- "Versehentlich" hat er ein Kind gezeugt, versehentlich hat er sich umgebracht. Und versehentlich ist er immer wieder an die falschen Freunde geraten. Trotzdem war Ricos Leben kein komplettes Versehen: Er hat mit Julika für eine kurze Zeit das gelebt, was Friedrich Ani nach einem Gedicht Friedrich Hölderlins "Gottes Tochter" nennt und im gleichnamigen Roman schaurig-schön ausmalt: die Liebe, eine besonders große, "Einzig edel und fromm über dem ehernen,/ Wilden Boden", wie es in dem Gedicht weiter heißt.

<P>Der traurige Boden, das harte Pflaster, auf dem dieses fragile Gefühlsgebilde sich aufreibt, ist Ostdeutschland. Das Buch ein (immer noch) deutsch-deutscher Krimi, eine Sozialstudie über ein provinzielles Nirgendwo der Ex-DDR, über einen Ort, wo Polizei und Randalierer sich am Stammtisch die Hände schütteln, wo Glatze nicht gleich Glatze ist, aber leicht vom Ausländerfeind zum Neonazi wird.<BR><BR>Friedrich Anis unkonventionelle Figur Tabor Süden, Hauptkommissar der Vermisstenstelle eines Münchner Dezernats, gelangt auf der Suche nach der gerade volljährigen Julika in das ostdeutsche Kaff, mitten hinein in eine undurchsichtige Geschichte: Julika ist zu ihrem Geliebten Rico geflohen, der vielleicht einen Asylbewerber in den Tod getrieben hat, vielleicht auch nur seine Kumpels deckt, aber sicher verwickelt ist in ein sich verselbständigendes "Spiel" mit Menschenleben.<BR><BR>Eigentlich ist das überhaupt nicht Südens Sache, doch der Kommissar folgt seinem Instinkt: Sich bei den Ost-Kollegen einzumischen, ist nicht seine Art. Sich zu vergewissern, dass es Julika im neuen Umfeld gut geht, aber schon. Und so steht der Kriminaler wie eh und je in schäbigen Wohnungen, weicht keinen Zentimeter, auch ohne Durchsuchungsbefehl. Brüskiert und verhört die Verdächtigen mit sparsamen Worten, mehr noch durch seine wehrlos machende, unverrückbare Anwesenheit.<BR><BR>Weil Ani ungeschönte deutsche Wirklichkeit zeigt, wie sie selbst in wenig puppenstubigen Ecken Westdeutschlands schlicht unvorstellbar bleibt, und weil er von ihr mit einer rauen Poesie erzählt, ist dieses Buch ein berauschender und wahrhaftiger Schmöker. Der das befremdende Innere von Charakteren freilegt, die einem bekannt nur vorkommen. Der selbst unscheinbare Szenerien fast greifbar macht. Und mit seinem klaren, schwingenden Sprachrhythmus für die angemessene Lakonie sorgt, selbst wenn es um große Gefühle geht.<BR><BR>Einzig Julika fällt aus dem dichten Gewebe heraus. Sie erhält kein äußeres Erscheinungsbild, bleibt zu sehr Kunstfigur und mit ihrem bis zuletzt rätselhaften Verhalten ein großes Fragezeichen in einem aufrüttelnden Text.</P><P>Der Autor liest heute (24. September 2003)  in der Münchner Buchhandlung "Dichtung & Wahrheit" (Burgstr. 2) um 20 Uhr.<BR></P><P>Friedrich Ani: "Gottes Tochter". <BR>Droemer Verlag, München. <BR>396 Seiten, 19,90 Euro. </P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Friedrich Ani: "Gottes Tochter". </P>

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