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Heute im Volkstheater zu sehen: „Schwimmen lernen“ vom Berliner Maxim Gorki Theater, eine eigentümliche Liebesgeschichte mit Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad.

Spiel mit den Realitäten

München - Zwischen Luxusimmobilien und israelischer Hysterie: Das Festival „Radikal jung“ am Münchner Volkstheater startete mit „Life & Strive“ und „This is the Land“.

Das mit dem Loben ist so eine Sache. Denn mancher Superlativ führt direkt in die Komik. Zum Auftakt der zehnten Auflage von „Radikal jung“ erklärte Anton Biebl, ständiger Vertreter des Münchner Kulturreferenten Hans-Georg Küppers, dies sei das „wichtigste Festival des Münchner Volkstheaters“. Intendant Christian Stückl konterte trocken: „A anders ham ma au net.“ Zur Rettung Biebls sei hier festgehalten, dass stimmt, was er zum Ausdruck bringen wollte: Selbst wenn es am Volkstheater andere Festivals gäbe, wäre kaum vorstellbar, dass eines davon einen ähnlich hohen Stellenwert einnehmen würde wie „Radikal jung“.

Eingeladen von einer dreiköpfigen Jury treffen sich hier einmal im Jahr junge Theatermacher, die in ihren Produktionen die thematischen und ästhetischen Grenzen ihres Mediums infrage stellen, bestenfalls überschreiten und erweitern. Das Publikum kann bei „Radikal jung“ erahnen, wie das Theater von morgen aussehen könnte. Und die Zuschauer genießen den Blick in die theatrale Glaskugel – die Auslastungszahlen kratzten zuletzt an der 100-Prozent-Marke. Die Produktionen am Auftaktwochenende waren (gesellschafts-)politisch, ließen klassische Sehgewohnheiten hinter sich und verkürzten gern den Sicherheitsabstand zwischen Bühne und Zuschauerraum.

Anat Eisenberg und Mirko Winkel unternahmen mit ihrem Publikum in „Life & Strive“ eine Exkursion in die Welt der Münchner Luxusimmobilien (weitere Vorstellungen heute um 11 Uhr, 14 Uhr und 17 Uhr), während sich die Zuseher im Sozialexperiment „The Lottery“ der Autorität eines Computers unterwarfen (nochmals heute sowie am 8. und 9. April; jeweils 19.30 Uhr).

„The Lottery“ haben Keren Sheffi und Saar Székely ersonnen, die ebenso wie Eyal Weiser aus Israel nach München eingeladen wurden. Bereits im vergangenen Jahr war Weiser bei „Radikal jung“ zu Gast, damals mit „Mein Jerusalem“, der erfundenen Lebensgeschichte der ebenso erfundenen ostdeutschen Fotografin Sabine Sauber, die dennoch absolut glaubwürdig wirkte. Auch in „This is the Land“, seiner aktuellen Produktion, spielt Weiser mit (politischen) Realitäten. Die Inszenierung reagiert auf die Auslobung des „Zionist Creation Award“ durch den israelischen Staat im Jahr 2011. Mit diesem Preis werden Arbeiten ausgezeichnet, die sich positiv mit dem Zionismus auseinandersetzen. Zunächst war die Empörung im Land groß: Viele protestierten gegen eine Ehrung, deren Vergabekriterien keine künstlerischen sind, und gegen die Kontrolle der Kulturszene durch die Politik. Inzwischen hat man sich in Israel an diese Auszeichnung gewöhnt – für Weiser der Grund, sich die „feine Linie zwischen national und nationalistisch“ anzuschauen.

In seiner Performance lässt er drei fiktive Künstler, die den Preis entweder boykottieren oder deren Arbeiten von der Jury des „Zionist Creation Award“ abgelehnt wurden, ihre fiktiven Projekte vorstellen: Efrat Arnon erzählt als Modedesignerin Gali Sudanski von Hysterie und Absurdität im israelischen Alltag. Natalie Fainstein berichtet in ihrem Monolog als Performerin Ayala Opfer von ihrer an Schizophrenie leidenden Nachbarin Esther: Die Ursache der Krankheit glaubt Opfer in Esthers Überleben des NS-Judenmords zu erkennen – nur um am Ende zu erfahren, dass die Frau in Israel geboren wurde. Es ist der stärkste Teil des Abends, denn Ayala Opfer erkennt, dass sie ihren „eigenen, von den Gespenstern der Vergangenheit gejagten Wurzeln“ begegnet war. Zum Abschluss erzählt Neta Weiner als Musiker und Siedler Regev Huberman von seiner Militärzeit.

Weisers Inszenierung, die gestern zum letzten Mal gezeigt wurde, erfordert hohe Konzentration. Ihre Stärke: Man kann sich nie sicher sein, ob nicht doch (und wenn ja, wie viel) Realität in diesen fiktiven Biografien steckt. Der israelische Regisseur wird nach „Radikal jung“ in München bleiben und eine Inszenierung mit dem Ensemble des Volkstheaters erarbeiten: „Nystagmus – Eine große deutsche Kunstausstellung“ setzt sich mit der Nazi-Schau „Entartete Kunst“ auseinander; Premiere ist am 3. Mai.

Michael Schleicher

„Radikal jung“

läuft bis 13. April,

weitere Informationen unter www.muenchner-volkstheater.de; Telefon 089/ 523 46 55.

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