Die Spiel- und Singwütigen

- "Wer immer sparen will, der ist verloren, auch moralisch", wusste Theodor Fontane. Eine Erkenntnis, die fürs neue Jahr allen Politikern ins Stammbuch geschrieben werden müsste. Denn das Jahr 2004 zeigt, wie leichtfertig die kulturelle Grundversorgung aufs Spiel gesetzt wird, wenn sie in ihrer Sparwut keine Grenzen kennen. Trotz allem waren die letzten 12 Monate nicht arm an Sehens- und Hörenswertem. Erinnerung von A-Z.

<P>Antigone: Frank Baumbauers Münchner Kammerspiele einmal anders. Regisseur Lars-Ole Walburg überraschte im Mai damit, dass er sich der Mühe unterzog, das Sophokles-Drama pur zu inszenieren. Den Gewinn davon hatten die Schauspieler, die ihre eigene Persönlichkeit in die Waagschale werfen mussten - vor allem Julia Jentsch in der Titelrolle und Caroline Ebner als Ismene; aber auch die Zuschauer, die hier einmal nicht voll gemüllt wurden mit Regieeinfällen.<BR><BR>Anna Netrebko hüstelte sich ein weiteres Mal dem Tod entgegen - als Violetta in Münchens Staatsopern-"Traviata". Und brachte die Fans im Februar erwartungsgemäß aus dem Häuschen. Doch das Nationaltheater wird mittlerweile zu klein für die Star-Diva: Kommenden Sommer lockt sie auf den Königsplatz.</P><P>"Bunnyhill" und "Ein Junge, der nicht Mehmet heißt": Enorme Anstrengungen unternahmen die gesamten Kammerspiele, sich mit künstlerischen Mitteln den sozialen Herausforderungen der Großstadt zu stellen. Das heißt: die Theaterleute verlassen einmal ihre heiligen Hallen, gehen raus ins Hasenbergl und übergeben ihre Bühne für einige Abende jenen jungen Menschen, die sich sonst nur auf der Straße artikulieren. Ein prestigeträchtiges Projekt mit einem Schuss 68er-Sozialromantik. Dennoch: sympathisch.<BR><BR>BallettTheater München: Die zum Gärtnerplatztheater gehörende Truppe von Philip Taylor, von der Auflösung durch Kunstminister Thomas Goppel bedroht, konnte gerettet werden: nicht, weil es mehr Geld gab, sondern weil in einer großen Solidaraktion des ganzen Ensembles die notwendigen Mittel erbracht wurden.</P><P>Comité Cuvilliés: Unter diesem Namen ist eine Bürgerinitiative mit Prominenz aus Wirtschaft, Kultur und Politik aktiv geworden mit dem Ziel, zwei Millionen Euro zu sammeln, um Münchens Rokoko-Juwel, das zur Zeit geschlossene Cuvillié´stheater, wieder als Theater bespielbar zu machen. Die Wiedereröffnung soll 2008 erfolgen.</P><P>Dance Festival: Münchens Tanzbiennale präsentierte sich in der neunten Ausgabe als spannendes, abwechslungsreiches Festival. Einziger Wermutstropfen: Ob Chefin Cornelia Albrecht 2006 weitermachen darf, ließ das Kulturreferat noch offen.<BR><BR>De Arellano, Margarita: Die Sopranistin bekam an der Bayerischen Staatsoper endlich eine große Partie - und feierte als Barbie-hafte Lulu in Alban Bergs Oper einen Riesenerfolg.</P><P>Edita Gruberova erwies sich ein weiteres Mal als unangefochtene Primadonna assoluta - und als Kämpferin gegen den Kulturkahlschlag. Ihre Elisabetta war Kraftzentrum von "Roberto Devereux", einer Donizetti-Oper, die Christoph Loy in einer phänomenalen Inszenierung auf die Bühne des Nationaltheaters brachte (Januar). Ein paar Monate später protestierte die Gruberova in Interviews und in einem offenen Brief an Edmund Stoiber gegen die Auflösung des Rundfunkorchesters.</P><P>Friedrichs, Andrea: Sie ist die designierte Chefin von Münchens Deutschem Theater. Mit der "Schönen und das Biest" gab die Nachfolgerin von Heiko Plapperer-Lüthgarth bereits ihre Visitenkarte als Musical-Produzentin ab.<BR>Förster, Heiko-Mathias: Der Chefdirigent der Münchner Symphoniker kann aufatmen. Sein Orchester ist dank des finanziellen Engagements der Stadtsparkasse gerettet. Vorerst. Jetzt hofft man auf weitere Sponsoren.</P><P>Gil Mehmert: Ein Regisseur, der im Stillen arbeitet, aber umso erfolgreicher ist. Jetzt hat er mit künstlerischer Zuverlässigkeit am Münchner Volkstheater Falladas "Kleiner Mann, was nun?" und an der Schauburg (Theater der Jugend) Hauptmanns "Weber" inszeniert. Dazu noch ein viel gelobter Abstecher ins Kino mit seinem Erstlingsfilm "Aus der Tiefe des Raums".<BR><BR>Gruber, Thomas: Der Intendant des Bayerischen Rundfunks gab den planlosen Sparkommissar und verfügte Anfang Oktober die Streichung des Münchner Rundfunkorchesters.</P><P>Hobmeier, Brigitte: Die junge Schauspielerin des Münchner Volkstheaters ist der neue Star des Bühnen-Jahres 2004. Spätestens seit ihrer hinreißenden Viola in "Was ihr wollt" und ihrer faszinierend natürlichen Lulu hat sie die Qual der Wahl: Residenztheater und Kammerspiele zeigen gleichermaßen Interesse an der Künstlerin.</P><P>Ivan Liska: Der Leiter des Bayerischen Staatsballetts wurde durch Kunstminister Goppel auf eine Geduldsprobe gestellt. Der Politiker hatte mit einer Vertragsverlängerung gezögert. Erst Ende Mai fiel die Entscheidung pro Liska: Ab 2006 noch einmal für fünf Jahre München.</P><P>Jonas, Bruno: Sehr viel versprochen hat sich Gärtnerplatz-Intendant Klaus Schultz davon, Kabarettist Bruno Jonas an sein Haus zu holen. Entsprechend groß war denn auch der Medienrummel, als der Polit-Spötter mit der Inszenierung des Musicals "Der Mann von La Mancha" im Juni Premiere hatte. Aber groß war auch die Enttäuschung über das künstlerische Ergebnis. Der Brettl- und TV-Profi hatte sich zu viel vorgenommen: Regie führen und dazu noch die Hauptrolle spielen - das konnte nicht gut gehen.<BR><BR>James Levine verließ im Juli nach fünf Jahren Amtszeit als Chefdirigent die Münchner Philharmoniker und wechselte zum Boston Symphony Orchestra. An der Isar wurde "Jimmy", zugleich musikalischer Chef der New Yorker Met, nie richtig heimisch: ein Nebenjob an der Isar, nicht mehr.</P><P>Kurt Faltlhauser: Wann wird ein Finanzminister schon mal gelobt? Wir tun es diesmal. Denn auf seine Initiative hin wurden zwei verödete Innenstadtplätze kulturell veredelt: der Apothekenhof in der Residenz durch Lese-Bänke und Olivenbäume sowie der Marstallplatz, der durch ansprechende Neugestaltung zu einem Ort der Künste umgewandelt wurde: ein Platz für Oper und Konzert für alle. Einzig die versprochene Licht-Installation von Olafur Eliasson lässt auf sich warten. Mitte November hätte sie fertig sein sollen.<BR><BR>Da kein Lob ohne Tadel sein kann, liefern wir hier gleich noch die nötige Kritik mit - nämlich an der Begehrlichkeit des Finanzministers am Marstall. Schwer macht er es dem Bayerischen Staatsschauspiel durch allerlei Auflagen, diesen wunderbaren Raum, der nicht zum Finanz-Ressort gehört, umfassend zu bespielen. Ein unverantwortlicher Verlust, wenn er als Spielstätte verloren ginge.<BR><BR>Kosztolányi, Márta: Als kühle Zicke, die Männer drangsaliert wie die Katze das Mäuschen, spielte und sang sie sich in den Mittelpunkt von "Gräfin Mariza". Josef E. Köpplinger inszenierte die Kálmán-Operette und bescherte dem Gärtnerplatztheater einen Dauerbrenner.</P><P>Lucia Lacarra: Jubel für die Super-Ballerina des Bayerischen Staatsballetts im Februar. Sie erwies sich als d i e  Kameliendame schlechthin.<BR><BR>Lach & Schieß: Hinter dem traditionsreichen Kabarettnamen verbirgt sich wieder einmal eine neue Mannschaft. Mit ihrem ersten Programm waren sie weniger "Jenseits von Oz" als jenseits von Gut und Böse.</P><P>"Maß für Maß": Mit dieser Komödie gelang Dieter Dorn die beste Inszenierung des Jahres 2004. Ein Glücksfall für Münchens Theater. Ein beeindruckender, packender Beweis für die künstlerische Leistungskraft des Bayerischen Staatsschauspiels sowie für die immer währende Zeitgenossenschaft Shakespeares.<BR><BR>Mundel, Barbara: Sie ist die Stippvisiten-Chefdramaturgin. Seit diesem Sommer schaut für ein Jahr die Luzerner Ex-Intendantin an den Kammerspielen vorbei, um danach als Intendantin nach Freiburg weiter zu ziehen.</P><P>Nina Kunzendorf: Eine Schauspielerin, deretwegen manch einer ins Theater gelockt wird. Von faszinierender Schönheit, geheimnisvoller Ausstrahlung, bezwingender Bescheidenheit adelte sie zuletzt Jossi Wielers Kammerspiele-Inszenierung "Mittagswende". Aber Kunzendorf hat ihren Vertrag mit der städtischen Bühne gelöst und ist ab jetzt nur noch Gast des Hauses. Dass sie die Rolle der Kriemhild in den "Nibelungen" dankend abgelehnt hatte, nahm Intendant Baumbauer offenbar übel. Denn als Kunzendorf kürzlich mit dem Bayerischen Förderpreis ausgezeichnet wurde, zusammen mit anderen jungen Künstlern, war sie die Einzige, die nicht von "ihrem" Intendanten oder einem Vertreter des Theaters begleitet wurde.<BR><BR>Nübling, Sebastian: Wohin blinder Modernisierungs- und Zeitgeistwahn führen kann, das zeigte dieser Regisseur im Februar mit seiner Inszenierung von Schillers "Don Karlos". Eine Katastrophe in jeder Hinsicht: konzeptionell und schauspielerisch. Das haut die Baumbauer-Bühne erneut um Jahre zurück.</P><P>Otto, Ralf: Der charismatische Favorit um den Chefposten beim Münchener Bach-Chor zog seine Kandidatur im Dezember zurück. Und das auch noch kurz vor dem Festkonzert zum 50-jährigen Bestehen des verwaisten Ensembles. Jetzt muss sich der Chor zwischen Michael Gläser und Hansjörg Albrecht entscheiden - es sei denn, Otto kann noch umgestimmt werden.</P><P>Pasinger Fabrik: Hier befindet sich das kleinste Opernhaus Münchens - und das kreativste. Im zu Ende gehenden Jahr begeisterten die Spiel- und Singwütigen mit einer so komischen wie charmanten Aufführung von Haydns Oper "Ritter Roland".</P><P>Quasthoff, Thomas: Der Bariton untermauerte in München mit Schuberts "Winterreise" seine Ausnahmestellung unter den Liedsängern (Oktober). Zudem stellte er hier seine Autobiografie "Die Stimme" vor.</P><P>Rundfunkorchester: Die angekündigte Auflösung provozierte bundesweit heftige Proteste. Der BR rechtfertigte den Schritt mit einer zu niedrigen Gebührenerhöhung, ein zweites Orchester neben den BR-Symphonikern sei daher nicht zu finanzieren. Wie kein anderes Ensemble kümmert sich das Rundfunkorchester allerdings mit Jugendkonzerten und ungewöhnlichen Programmen um neue Publikumsschichten. Dass der BR hier einen Klangkörper einspart, der den öffentlich-rechtlichen Rundfunkauftrag übererfüllt, zeugt von der Kurzsichtigkeit der Verantwortlichen. Überdies wurde Manager Gernot Rehrl aus dem Amt gedrängt, Chefdirigent Marcello Viotti trat aus Protest zurück.</P><P>Siemens Musikpreis: Der "Nobelpreis der Musik" wurde in München an Alfred Brendel verliehen, dem legendären Pianisten und Autor lyrischer und prosaischer Spitzfindigkeiten (Mai).</P><P>Thielemann, Christian: Dem neuen, stets akkurat gescheitelten Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker gelang im Oktober ein fulminanter Start in seine Amtszeit - mit Bruckners fünfter und Henzes zehnter Symphonie. Mindestens sieben Jahre will der Berliner bleiben. Thielemann/Philharmoniker: eine neue "Marke" in der Klassikwelt, die an der Isar zu größten Hoffnungen berechtigt.</P><P>Und ewig regiert der Rotstift: Enge Finanzfesseln legte die Staatsregierung ihren Staatstheatern an: Insgesamt mussten im zu Ende gehenden Jahr 4,8 Millionen Euro eingespart werden; davon 940 000 beim Residenztheater, eine Million beim Gärtnerplatztheater und 2,8 Millionen bei der Staatsoper.</P><P>Vertragsverlängerungen: Dieter Dorn, höchst erfolgreicher Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, hat trotz der Sparmaßnahmen dem Werben des Ministers schon im Januar nachgegeben und seinen Vertrag über 2006 hinaus noch einmal um drei Jahre verlängert. Ebenfalls um weitere drei Jahre hat auch Frank Baumbauer seinen Vertrag als Intendant der städtischen Kammerspiele verlängert. Die Konkurrenz also geht weiter - bis mindestens 2009.</P><P>Wouter Hoekstra ist der neue Intendant der Münchner Philharmoniker. Er kam vom Concertgebouw-Orchester Amsterdam und trat sein Amt zusammen mit Christian Thielemann an.<BR><BR>Wagner-Stadt, das war einmal ein Etikett, mit dem sich München schmücken durfte. Doch im Nationaltheater werden die Werke des Bayreuther Meisters oft nur in unterdurchschnittlichen Produktionen gezeigt, die neuen "Meistersinger" in der Regie von Thomas Langhoff (Premiere im Juni) bilden da keine Ausnahme.</P><P>Xiao-song, Qu (Komponist): Er bescherte der Münchener Musiktheater-Biennale ihren einzigen ernst zu nehmenden Erfolg - mit seinem von chinesischer Exotik geprägten Werk "Versuchung" (Mai). Die übrigen Opern: Verkopftes, Belangloses, Unattraktives, das nur um sich kreist und am Adressaten, am Publikum kaum interessiert scheint. Unter Biennale-Leiter Peter Ruzicka dümpelt das Festival noch immer im Mittelmaß dahin, wird aber von der Stadt weiterhin finanziell unterstützt.</P><P>Yun Hwan Cho: Ein Mozart-Sänger aus Fernost. Bei den Festspielen auf Gut Immling präsentierte sich der Tenor in der Partie des Belmonte ("Entführung aus dem Serail") als einer, der Erwartungen weckte.</P><P>Zirner, August: Selten nur ist der Schauspieler in München zu treffen. 2004 aber machte er einen Abstecher an Christian Stückls Volkstheater - in dem skurrilen Psychostück "Die Ziege oder Wer ist Sylvia" von Edward Albee. Eine sehenswerte Schauspielerleistung.<BR><BR>Zehelein, Klaus: Der Intendant der Stuttgarter Staatsoper unterschrieb im Mai seinen Vertrag als künftiger Präsident der Bayerischen Theaterakademie. Er folgt 2006 auf Christoph Albrecht, der dann die Bayerische Staatsoper übernimmt.</P>

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