Vom Spiel überwältigt

München - Was für ein Glück, dass Günter Grass ihn aufgefordert hatte, Tagebuch zu führen. Es war 1977, fast Frühling, und Volker Schlöndorff begann mit der Arbeit an seinem berühmtesten Film: "Die Blechtrommel".

Gleichzeitig verfasste er vom 23. April 1977 bis zum 26. Februar 1979 eben jenes Tagebuch, das nun, im autobiografischen Rückblick, eine wunderbar unmittelbare und unsentimentale Erinnerungsquelle abgibt. "Wieder und wieder das Buch gelesen, unterstrichen, Seiten zerschnitten", notiert Schlöndorff am 20. Mai 1977. "Dazu brauche ich mehrere Exemplare, die ich antiquarisch zu erwerben suche." Was sich als schwierig herausstellt, da die "Blechtrommel" bereits vergessen scheint. "Umso besser", bleibt der Regisseur unverzagt, "wenn das Buch wieder entdeckt werden muss".

Das wird es. Seine Verfilmung trägt Goldene Palme und Oscar davon; Schlöndorff aber spürt "keine große Emotion": "Mich beschäftigte die Frage: Was nun?" Karriere, Freiheit? Eine Frage, die charakteristisch für sein gesamtes rastloses, fast 30 Filme umspannendes Lebens-Werk erscheint. Und für das bebilderte Buch, das sich diesem Leben als umfangreiches, dennoch bescheidenes Skript widmet. Als fürchte es, seine Seiten mit dieser leidenschaftlichen Filmkarriere, mit dieser außerordentlichen Fülle berühmter Namen ­ von Louis Malle bis Ingmar Bergman, Arthur Miller bis Brian Jones, Billy Wilder bis Max Frisch ­ allzu voll zu machen. Umso eindrucksvoller ist es, wenn sich Schlöndorff zwischendurch an ganz persönliche Drehmomente erinnert, in denen ihn das Spiel seiner Darsteller überwältigte und er seiner eigenen Illusion von Realität unterlag.

"Markenzeichen Blechtrommel" ist das längste Kapitel in Schlöndorffs unaufdringlich, spannend und bewundernswert detailliert erzählten Lebenserinnerungen. Benannt sind sie nach "Licht, Schatten und Bewegung", den drei Elementen, auf die der Filmemacher sein Handwerk bereits während seiner ersten Dreharbeiten zum "Törless" im Sommer '64 zu reduzieren wusste ("Musil half mir, mich zu verstehen"). Das Buch soll auch den Zwischenzeilen und Untertönen seines Lebens und Schaffens Platz einräumen.

Doch Schlöndorff, geboren 1939, lebt ein Leben für den Film. Dass er es nun aufgeschrieben hat, verdanken wir dem bloßen Zufall, dass sein jüngstes Projekt, "Die Päpstin", überraschend abgelehnt wurde (jetzt plant er "Gigola" über die Pariser Revuetheater). So hangeln sich auch die chronologischen Kapitel von Engagement zu Engagement, verschnaufen seit früher Kindheit kaum in einem privaten Abseits ­ etwa beim Laufen, einem eifrigen Hobby. Warum auch? Wuchs ja selbst die Liebe zu Margarethe von Trotta auf Kollegialität. Doch auch er sehnt sich nach Einhalt: "Ich beneide Theaterleute um ihre kontinuierliche Arbeit, aus der allmählich ein homogenes Ensemble entsteht."

Nach dem frühen tragischen Tod der Mutter ­ sie verbrannte bei einer Explosion in ihrer Küche ­ fühlte sich Schlöndorff als von ihr behütetes Glückskind. Zu Recht. Jeder Schritt in seinem Leben scheint im Nachhinein begründet, richtig, unumgänglich: von der Internats- und Studienzeit in Frankreich über das politische Engagement bei der "Roten Hilfe" bis hin zum Managerposten in Babelsberg. Vom "Tod eines Handlungsreisenden" mit Dustin Hoffman schwärmt Schlöndorff nicht nur wegen der fantastisch knappen Drehzeit von 17 Tagen: Er liebt New York ­ auch wegen einer amerikanischen Parole, die sein Dasein auf den Punkt bringt: "Just do it!"

Volker Schlöndorff:

"Licht, Schatten und Bewegung". Hanser Verlag, München, 472 Seiten; 24,90 Euro.

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