"So ein Spiel wird es nie wieder geben"

- 4. Juli 1954. Überraschend schlägt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das Team aus Ungarn. Deutschland ist Weltmeister. Schmach und Schuld des verlorenen Krieges münden in den Jubel über den WM-Sieg. Das ist, kurz gesagt, der Inhalt des Spielfilms "Das Wunder von Bern". Regisseur Sönke Wortmann, der früher selbst in der Zweiten Bundesliga bei Erkenschwick kickte und danach mit Filmen wie "Kleine Haie" oder "Der bewegte Mann" als Begründer des "deutschen Komödienwunders" galt, hat der deutschen Nachkriegsgeschichte nun auf der Leinwand neues Leben eingehaucht.

<P>Sie sind 1959 geboren. Das Wunder von Bern kennen Sie also auch nur vom Hörensagen...</P><P>Sönke Wortmann: Das stimmt schon, aber es gibt ja schließlich viele Möglichkeiten, sich zu informieren: Bücher, Internet, und vor allem auch Zeitzeugen. Und daraus stellt sich dann ein Bild zusammen. Die Recherche-Arbeit habe ich nicht als schwierig empfunden. Im Gegenteil, das macht ja besonders viel Spaß. Außerdem halte ich mich in solchen Fällen immer gerne an "Das Boot" von Wolfgang Petersen. Der beste deutsche Film nach dem Krieg, finde ich. Petersen war auch nie U-Boot-Fahrer, und trotzdem ist es möglich, einen Film derart authentisch zu gestalten.</P><P>Der Sieg im Endspiel gegen die Ungarn bewirkte eine Art nationalen Ausnahmezustand...</P><P>Wortmann: Es gibt Historiker, die den 3:2-Sieg der Herberger-Elf sogar als den eigentlichen inneren Gründungsakt der Bundesrepublik ansehen. So ein Fußballspiel wird es einfach niemals wieder geben.</P><P>Warum wurden Männer wie Helmut Rahn oder Fritz Walter zu Helden verklärt, während selbst jemand wie Andi Brehme 1990 weit von einem Mythos entfernt war?</P><P>"Das sind die Szenen, die<BR>bis heute im kollektiven<BR>Gedächtnis gespeichert<BR>sind." Sönke Wortmann </P><P>Wortmann: Die Jahre, die zwischen den beiden WM-Siegen liegen, sind entscheidend. Man muss begreifen, wie die Situation damals in Deutschland war. Zum einen sind die Deutschen heute immer unter den Favoriten, damals waren sie sportlich gesehen absolute Außenseiter und haben gegen eine Mannschaft gewonnen, die seit viereinhalb Jahren nie verloren hatte. Zum anderen haben Walter, Rahn, Meckel und wie sie alle heißen, damals ein Land vertreten, das am Boden lag, zu Recht am Boden lag nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch die Menschen lagen am Boden, sowohl wirtschaftlich als auch moralisch. Das gewonnene Finale war das erste Mal, dass man wieder auf etwas stolz sein konnte und durfte, auf dem das Adjektiv "deutsch" stand. Das hat den Leuten damals ein riesiges Selbstvertrauen und einen unglaublichen Lebensmut gegeben.</P><P>Sie verwenden in Ihrem Film keine einzige Originalaufnahme des damaligen Spiels. Warum nicht? </P><P>Wortmann: Es gibt ja quasi keine. Es existieren nur so ein paar Schnipsel Dokumentarmaterial. Das sind die Szenen, die wir alle kennen, und die bis heute im kollektiven Gedächtnis gespeichert sind, nämlich die fünf Tore. Diese Szenen sind aber schwarzweiß, und wir haben einen Farbfilm gedreht. Außerdem sind sie so hastig zusammen geschnitten, man kann das heute gar nicht mehr anschauen. Deswegen stand es nie zur Diskussion, auf das Archivmaterial zurückzugreifen. Die Darsteller sollten sowohl Text sprechen als auch fehlerfreie Pässe spielen können. </P><P>Wie lange hat es gedauert, diese legendäre Elf zu finden? </P><P>Wortmann: Ach, lange. Wir haben sicher 1500 Männer gecastet. Erst mussten sie einen Fußball-Test bestehen, und danach haben wir Probeaufnahmen gemacht, um auch das schauspielerische Talent einzuschätzen. </P><P>Es fällt auf, dass die Mitglieder der Mannschaft alle Dialekt sprechen.</P><P>Wortmann: Ich persönlich mag Dialekte im Film immer sehr gerne. Aber in erster Linie habe ich es getan, weil die Leute damals wirklich so gesprochen haben. Stellen Sie sich einmal vor, Max Morlock aus Nürnberg spricht im Film plötzlich reinstes Hochdeutsch. Da wären alle Nürnberger entsetzt und würden sagen: Unser Maxl - so hat der nicht geredet! Genauso ist es in Kaiserslautern etwa mit Fritz Walter und Eckel, Kohlmeyer oder Liebrich. Das Publikum will seine Idole schon so sehen, wie sie waren. Da sollte man dann auch genau sein. Außerdem bezeuge ich dadurch meinen Respekt für ihre Herkunft.</P><P><BR><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare