Spiele im Labyrinth

München - In seinem frühen Animationsfilm "Rhythm 21" gibt der Dadaist Hans Richter 1921 hypnotische Einblicke in das unendliche Labyrinth konstruierter künstlerischer Abstraktion. Verspielt loten seine Protagonisten, weiße Rechtecke und Quadrate auf schwarzem Grund, die vielfältigen, schier unendlichen Variationen ihrer Erscheinungsprozesse aus.

So ähnlich erging es auch der Städtischen Galerie im Lenbachhaus mit ihrer neuen Schau, die sich vor der Generalsanierung und Erweiterung des Museumsbaus noch einmal ausgiebig und genussvoll aus den eigenen Beständen nährt. In ihrem Titel nimmt sie die Idee des gut vierminütigen Richter-Filmes auf: "Rhythmus 21 - Positionen des Abstrakten".

Das Haus könne aus einem Fundus schöpfen, der enorm viel zu diesem Thema zu sagen habe, so Matthias Mühling, der die Ausstellung gemeinsam mit Helmut Friedel kuratiert. "Man hätte weitere Räume anfügen können." Doch bereits die 14 Räume auf den beiden Etagen des Nordflügels erzählen von 19 unterschiedlichen, weltberühmten wie eher unbekannten Standpunkten aus eine Sammlungsgeschichte des Abstrakten, die von der Vorkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert reicht.

Dabei hält vor allem die obere Etage einige reizvolle Reihenfolgen bereit. Denn jeder Künstler erhält hier sein eigenes Kabinett. Und auf diese unvermittelte Weise gelangt man etwa von den Land-Art-Gemälden Michael Heizers aus den frühen Siebzigern zu den verschwommenen Farbschichten Gerhard Richters und anschließend zu vier von On Kawaras "Date Paintings". Diese abstrakten Datumsschachteln tragen zumindest die Möglichkeit einer konkreten Dechiffrierung in sich: die jeweilige Tageszeitung. Da zu den meisten der ausgestellten Künstler bereits Publikationen des Lenbachhauses existieren, erscheint kein Katalog. Stattdessen erhält der Besucher zu seiner Eintrittskarte eine Broschüre mit biografischen und werkspezifischen Erläuterungen. Das Denken an Korrespondenzen oder Kontrasten zwischen den einzelnen Künstlern und Werken bleibt dabei immer noch ganz dem Betrachter überlassen.

Etwa zwischen Sean Scullys organisierten Balkenmalereien und Liam Gillicks räumlichen Aluminiumrastern. Oder zwischen den endlosen, aber kontrollierten, da fixierten Zahlenreihen in Roman Opalkas Zyklus "1965/1-8" und den endlosen, unkontrollierten, da kinetischen Bildvariationen von Gerhard von Graevenitz. Ein anderer Weg führt vielleicht von Arnulf Rainers "Übermalung Schwarz auf Weiß" (1963) zur überklebten Collage Isa Genzkens (2005). Spannend auch der fließende Übergang von Sarah Morris' geometrischen Zerrbildern (2006/ 07) beinahe 50 Jahre zurück zu Günter Fruhtrunks Farbfeldmalereien, etwa den "Kreisen von Delaunay", deren kubistische Bezüge wiederum fast 50 Jahre zurückreichen. Zwischen konstruktivistischer Reflexion und expressiver Improvisation: In der Mannigfaltigkeit seiner Spielrichtungen klingt der "Rhythmus 21" der abstrakten künstlerischen Positionen im Lenbachhaus in aufregender Unregelmäßigkeit.

Bis 14. September; Di. bis So., 10-18 Uhr. Info: 089/ 23 33 20 00; www.lenbachhaus.de.

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