Spielen bis zum Hörsturz

München - Üben Orchestermusiker einen (zu) gefährlichen Beruf aus? Seit kurzem sollen sie durch eine EU-Richtlinie vor Lärm geschützt werden. In München wurde gerade eine Uraufführung bei der Musica Viva wegen hoher Dezibelwerte gekippt.

Richard Wagners wohl erstes Opfer war vor 14 Jahren zu beklagen. Als 1994 für ein Kopenhagener Open Air seine "Tannhäuser"-Ouvertüre geprobt wurde, brach nebenan im Zoo ein Okapi tot zusammen. Das mag nun manchen amüsieren - frei nach dem Motto: So was hat man bei diesem Komponisten schon immer geahnt. Doch tatsächlich gehören Wagners Opern neben denen von Richard Strauss zu den lautesten des klassischen Repertoires. Und eigentlich, so sieht es eine EU-Bestimmung vor, dürften sie in manchen Theatern gar nicht mehr gespielt werden.

"Wir haben bei uns im Nationaltheater Gott sei Dank einen großen Orchestergraben, der einiges nach draußen entweichen lässt", sagt Gottfried Sirotek, Vorstand des Bayerischen Staatsorchesters. Sicherlich gebe es "Problemzonen", etwa die Plätze vor dem Schlagwerk oder der Bereich der Bratscher, die vor den Trompetern sitzen. "Mit Umstellungen oder durchsichtigen Plexisglaswänden können wir da aber Abhilfe schaffen." Eine Maßnahme, die auch die Kollegen vom BR-Symphonieorchester inzwischen ergriffen haben: Sie und die Münchner Philharmoniker leihen sich gegenseitig solche Glaswände aus.

Nicht mehr als 85 Dezibel muss ein Orchestermusiker ertragen, lautet die kürzlich in Deutschland umgesetzte EU-Bestimmung. Wobei dies allerdings in den Augen des Deutschen Bühnenvereins ein Durchschnittswert ist, dem eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden zugrunde gelegt werden sollte. Nicht überschritten werden dürfen dagegen Spitzenwerte von 135 Dezibel. Zum Vergleich: Zimmerlautstärke liegt bei 40 bis 65 Dezibel, mittlerer Straßenverkehr bei 85, ein Presslufthammer bei 100, eine Trillerpfeife bei 120 und ein Düsenjet bei 130 Dezibel.

Die gesundheitsgefährdende 135er-Grenze hat Dror Feilers Werk, das am Freitag bei der Musica Viva im Herkulessaal uraufgeführt werden sollte, offenbar überschritten. "Wir haben Messungen bei der Generalprobe vorgenommen", berichtet Trygve Nordwall, Manager des BR-Symphonieorchesters. Und dies, nachdem das Ensemble bereits leiser als vorgesehen gespielt und manche Partiturdetails geändert habe. Dreiler habe zudem drei Seiten lang ein hohes C von den Trompeten gefordert und kurz danach eine tiefe Lage. Nordwall: "Das halten die Lippen ohnehin nicht aus." Der Manager rechtfertigt die Absetzung mit der Verantwortung des Arbeitgebers: "Ich kann einfach nicht sagen, wir spielen das trotzdem, und am Ende gibt es dann gesundheitliche Schäden." Den Vorschlag aus dem Orchester, die Instrumentalisten mit Schutz-Kopfhörern wie bei Bauarbeitern auszustatten, fand dann selbst der Komponist befremdlich.

Da die neuen Arbeitsschutzbestimmungen nicht umgangen werden dürfen, müssen sich nun Orchester und Theater etwas einfallen lassen. Viele Möglichkeiten haben sie nicht. Zum einen Plexiglaswände, die lautes Blech und Schlagwerk abschirmen. Oder Ohrstöpsel: Die Arbeitgeber müssen individuell geformte "Otoplasten" bereithalten. Solche Hilfsmittel, die im überdeckten Bayreuther Graben gang und gäbe sind, dämpfen zwar den Klang, verursachen aber neue Probleme. "Die Musiker können ihre Kollegen nicht mehr ausreichend hören", sagt Nordwall. "Für eine Feinabstimmung im Ensemble und für die musikalische Balance ist dies jedoch notwendig."

Darüber hinaus nehmen Stöpsel-Träger körpereigene Geräusche lauter wahr. Bei Geigern ist dies etwa die Vibration des eigenen Kopfes, bei Blechbläsern das Flattern der Lippen. Und Oboisten, die mit hohem Druck spielen müssen, ist der Ohr-Verschluss äußerst unangenehm. Was also tun? Nordwall: "Wir probieren verschiedene Sitzordnungen aus." Auch könnten Podeste manche Dezibel-Situationen entschärfen. Nordwall, der zuvor beim Tonhalle-Orchester in Zürich beschäftigt war, ist in dieser Angelegenheit ohnehin vorgewarnt. Die Tonhalle ist nämlich ein gedrungener Saal, in dem relativ schnell hohe Lautstärke-Pegel erzielt werden. "Zwei Musiker sind irgendwann ausgeschieden, weil sie einen permanenten Hörsturz hatten."

Um den Durchschnittswert von 85 Dezibel nicht ständig auszureizen, fordert die Deutsche Orchestervereinigung auch Grundsätzliches: entzerrte Probenpläne und Lautstärkepausen. Was freilich in der Praxis nur bedingt durchsetzbar ist. Ein Orchester, das sich eigentlich eine Woche lang mit einer Bruckner-Symphonie beschäftigt, müsste dann "zur Erholung" Bach oder Mozart proben.

Die einschneidendsten Auswirkungen hat die EU-Richtlinie logischerweise auf kleinere Theater und Säle. "Ich beneide meine Kollegen da nicht", sagt Gottfried Sirotek vom Bayerischen Staatsorchester. Im Nationaltheater ist für ihn Strauss' "Elektra" das "Heftigste", was derzeit auf dem Spielplan steht. Eine Sache gibt Sirotek in dieser Diskussion indes zu bedenken: "Bei einer Aufführung ist man emotional stark engagiert. Dann empfindet man die Lautstärke ja ganz anders - auch wenn das in Richtung Presslufthammer geht. Aber wer will den schon mit Strauss vergleichen."

von Markus Thiel

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