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In Sekundenbruchteilen und mit wenigen Requisiten entstehen die Bilder von Andreas Wiedermanns „Edgar“-Inszenierung.

Spielerisch und fantasievoll

München - Andreas Wiedermann inszenierte die deutsche Erstaufführung von Puccinis „Edgar“ in der Allerheiligen-Hofkirche. Lesen Sie die Premierenkritik:

„Edgar“ wird der Tosca, Butterfly oder Mimi sicherlich nicht den Rang ablaufen, aber ansehen und anhören – da hat die Opera Incognita Recht – sollte man die Oper schon. Sie ist echter Puccini, glänzt mit Farben, mit klaren musikalischen Strukturen, Schmelz, Charme, Verve. Und dass der Text ziemlich wirr ist, kann für einen genialischen Regisseur wie Andreas Wiedermann sogar noch ein Plus bedeuten. Was niemand kennt – wir erleben die deutsche Erstaufführung –, wird auch niemand buchstabengetreu einfordern, und wo es schwierig wird, Kopfzerbrechen fordert, vielleicht eine rettende Idee, da ist einer wie Wiedermann gerade richtig. In der Münchner Allerheiligen-Hofkirche fordert und bekommt er von seinen Spielern Musiktheater einer anderswo nur ganz selten erreichten Qualität. Regiebrillanz pur – und immer musikalisch.

Wiedermanns Mitspieler bei allen Eskapaden ist erneut der Komponist und Bearbeiter Ernst Bartmann mit seinen exzellenten solistischen Mozarteums-Musikern, der dem Stück eine Art Symphonie für Schreibmaschine statt der Ouvertüre vorsetzt: Wiedermann macht aus dem Edgar einen gestressten Büro-Menschen, der immer kurz vorm Burn-out in eine Traum-Ebene flieht, dort aber all den Personen des Alltags wiederbegegnet.

Die Handlung um ihn und seine beiden Liebsten, dazu noch den rabiaten, charakterschwachen Rivalen (stimmlich und im Spiel wunderbar aufgehoben bei Torsten Petsch), springt bei Puccini ziemlich unklar und auf absurden Schauplätzen herum. Alles egal: Wiedermann beglaubigt jeden, füllt ihn mit Leben, Wahrhaftigkeit, Gewalt, Glanz.

Der große Vorteil eines Theaters, das quasi über nichts verfügt: Es muss alles erfinden. Der Mandelbaum besteht aus Zweigen in Händen der Chormitglieder; die halten auch Kerzen aus einem winzigen Fenster: Kirche! Ein Bordell: weiß maskierte Chorsänger in lasziven Positionen. Durch eine kleine Verschiebung werden die Masken zu Baretten und alle steigen in Stiefel: eine Kompanie Soldaten marschiert über die Bühne. Alles in Sekundenbruchteilen. Das hat etwas ungemein Spielerisches, Fantasievolles. Dem Wiedermann fällt es eben ein. Verblüffend, dass er es seinen 20 Laien-Chorsängern auch vermitteln und abverlangen kann – gesungen wird erstklassig.

Die sanft-inbrünstige Fidelia von Dorothee Koch trumpft mit einer leuchtenden Gräfinnenstimme auf; die erst 22-jährige Dorothea Spilger gibt ein erotisches Mezzo-Luder, und der runde Chinese Hui Jin als Edgar macht einen buchstäblich sprachlos. Wann hat man zuletzt einen so blendend gebildeten, stilsicheren italienischen Tenor von diesem Schmelz gehört? Das etwas abrupte Ende dämpfte ein wenig den Schluss-Beifall, aber er erreichte dann doch noch die gebotene Phonstärke.

Nicht verpassen!

Nächste Vorstellungen am 31. August sowie 2., 3. und 4. September;

Telefon 0151/ 15 80 90 91.

Beate Kayser

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