Man spielt mit der Tragödie

- Die Arbeit in einem internationalen Kulturzentrum hat Ayse Polat zu ihrem Film "En Garde" inspiriert (in München läuft der Film im Atelier). Die zwei Hauptfiguren - Alice und Berivan - sind so lebensecht gelungen, dass Film und Schauspielerinnen in Locarno mit einem Silbernen Leoparden belohnt wurden. Ein rasanter Erfolg für die junge Hamburger Regisseurin; "En Garde" ist nach "Auslandstournee" erst ihr zweiter Spielfilm.

<P>Was war Ihre erste Idee zum Drehbuch von "En Garde"?<BR><BR>Polat: Die Figuren waren der Ausgangspunkt. Die Geschichte sollte aber im Heim spielen. Das Gefühl, dass Alice hin und hergeschoben wird, war auch dabei. Die Kombination junges Mädchen und Heim war inspirierend. Ich muss auch sagen, in Heimen ist es nicht so, wie man sich das vorstellt, alles trist und grau. Die Mädchen, die ich kennen gelernt habe, hatten eine wahnsinnige Lebendigkeit, schon etwas früh erwachsen geworden, aber auch einen unheimlichen Humor. Ich habe mich bemüht, dass das auch rüber kommt.  Dass man nicht nur traurige Gesichter zu sehen bekommt."<BR><BR>Wie wichtig ist für Sie der Katholizismus der Heimaufseherin im Film?<BR><BR>Polat: Er hat schon eine Bedeutung, schon wegen des Konzepts der Vergebung. Alice lernt ja am Ende, ihrer Mutter zu vergeben. Das ist eine sehr religiöse Geste. Es geht auch darum, die Deplatzierung des kurdischen Mädchens - der Berivan - in einem katholischen Heim zu zeigen. Ich habe wirklich ein kurdisches Mädchen gesehen, dass in so einem Heim untergebracht war. Und ich fand es absurd, dass sie am Sonntag mit zur Messe gegangen ist. Doch sie hatte damit kein Problem. Sie war einfach froh, dass sie irgendwo in Sicherheit ist.<BR><BR>Wie viel eigene Erfahrungen steckt in der Figur der Berivan?<BR>Polat: Jeder Film ist sehr persönlich, nicht autobiografisch, aber persönlich. Ein Teil der Figuren steckt immer in einem drin. Man neigt dazu, Berivan als meine Identifikationsfigur zu betrachten, weil ich auch kurdischer Herkunft bin. Das stimmt so nicht. Alle Figuren haben viele Teile von mir. Und auch wenn ich nicht alles persönlich erlebt habe, die Innenwelten kenne ich, auch von Leuten, die mir sehr nahe standen.<BR><BR>Die Verstrickungen der Handlung sind sehr schicksalhaft, wie in einer Tragödie. Dennoch ist das Ende hoffnungsvoll.<BR><BR>Polat: "Der Film war nie als Tragödie geplant, sondern immer als Drama. Ich hatte auch nicht die Notwendigkeit gesehen, dass den beiden Hauptpersonen etwas passiert. "En Garde" hat kein Happy End, aber zu schrecklich ist das Ende auch nicht. Die beiden Figuren bargen nicht den Tod in sich. Natürlich spielt man mit den Strukturen der Tragödie. Aber der Film nimmt die Menschen schon sehr mit, er bewegt sie, wenn dann am Ende noch jemand sterben würde, dann wäre es aus mit dem Film.</P><P>Das Gespräch führte Ralf Heußinger.<BR></P>

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